Flüchtlinge – Lehrlinge – Unternehmen: Andreas Pollak vom Verein T.I.W. im Interview

© Bild: T.I.W.

© Bild: T.I.W.

Wir starteten auf UWEB die Serie Flüchtlinge und Unternehmen, weil wir dazu beitragen möchten, dass Integration kein Schlagwort bleibt. Wir möchten engagierten Unternehmern und Unternehmerinnen Anregungen, Aufklärung oder einfach informativen Lesestoff zur Verfügung stellen.

Das Ziel des Vereins T.I.W. ist, dass die hier betreuten Jugendlichen, einen Arbeitsplatz, eine integrative Lehrstelle oder eine Lehrstelle bekommen. Daher fand das Interview mit Andreas POLLAK, Projektleiter / Geschäftsführung Verein T.I.W. in 1050 Wien, Margaretenstraße 166 statt.

 

Bitte erzählen Sie uns etwas über den Verein T.I.W.

Wir sind nicht spezialisiert auf Flüchtlinge. Wir haben derzeit insgesamt 7 Projekte  laufen. Wir betreuen pro Jahr etwa 600 Jugendliche. Die Jugendlichen werden vorbereitet, vermittelt und wir trachten danach, dass sie sich gut in den Lehrbetrieben integrieren können.

Alle unsere Projekte sind möglichst wirtschaftsnah. Es gibt sehr viele Kooperationen mit Wirtschaftsbetrieben, die auch bereits in der Vorbereitung der Jugendlichen helfen. Das können beispielsweise Gruppentrainings sein. Da geht ein Trainer mit einer Gruppe in eine Firma. In der Früh wird ausgemacht, wer was genau machen wird. So wird ein halber Tag mit den Jugendlichen gearbeitet. Das machen wir genauso in diversen Hotels, in diversen Unternehmen der Lebensmittelbranche, der Gastronomie und vielen mehr. Es geht darum, den Jugendlichen die Chance zu geben, bevor sie sich für einen Lehrberuf entscheiden, möglichst praxisnah zu zeigen, wie das funktioniert.

Um dieses Kernstück herum bieten wir psychosoziale Betreuung an. Diese versuchen, sich den Problematiken zu widmen, die altersbedingt oder aus besonderen Situationen heraus auftreten können.
Wir haben uns schon immer um Jugendliche mit Migrationshintergrund gekümmert. Wir haben, beginnend mit 2004, 2005, tschetschenischen Jugendliche, afghanischen Jugendliche und auch viele aus Teilen Afrikas betreut. Das ist jedoch nicht der Hauptanteil. Wir haben auch viele Jugendliche aus Bosnien, die hier geboren wurden, also in der 2. Generation hier sind und deren Eltern damals fliehen mussten.

 

Welche Erfahrungen gibt es nun mit diesen Jugendlichen?

© Bild: Verein T.I.W.

© Bild: Verein T.I.W.

Die Erfahrung zeigt, dass jede Gruppe dieser Jugendlichen bestimmte Zugänge und Voraussetzungen aufweisen, die man berücksichtigen muss. Da heißt es viel Übersetzungsarbeit leisten.
Wir versuchen die Jugendlichen vorzubereiten und wollen natürlich, dass diese Übersetzungsleistungen bestmöglich greifen. Wir schöpfen aus einer langjährigen Erfahrung und können so immer besser abgestimmt agieren und reagieren.

Ich arbeite beinahe 20 Jahren in diesem Bereich. Ich finde es sehr wichtig im Vorfeld darauf hinzuweisen, zu welchen Schwierigkeiten es bei der Zusammenarbeit mit Lehrlingen kommen kann. Im Prinzip haben Jugendliche mehr oder weniger und immer wieder mal Probleme – das ist eben so. Wir versuchen jeden Jugendlichen so gut wie möglich kennenzulernen, um möglichst eine passende Lehrstelle für ihn zu finden.

Wenn man im Vorfeld Zeit und Mühe investiert, bekommt man einen dankbaren und fleißigen Mitarbeiter. Hängt vielleicht auch damit zusammen, dass viele Flüchtlinge schon früh, in Kinderjahren gearbeitet haben und wissen, wie das ist. Viele kommen mit der Schule nicht ganz so klar. Auch wenn Sprachkenntnisse vorhanden sind, sind die Fachtermini oft nicht vorhanden. Man braucht ja ein gewisses Selbstvertrauen, um nachzufragen, wenn man was nicht verstanden hat. Kommunikation und in Kontakt treten mit den Jugendlichen – das erachte ich als ganz wichtig. Von Vorteil ist, wenn im Betrieb ein Mentor, eine Vertrauensperson vorhanden ist. Wird in Beziehungsarbeit investiert, zahlt sich das sehr aus. Weil ein wirklich motivierter Lehrling zum wirklich guten Mitarbeiter heranreift.

 

Wie kommt ein Lehrling zu Ihrem Verein?

Man kommt auf jeden Fall freiwillig. Das AMS vermittelt da Jugendliche und weist auf uns hin.
Jeder Jugendliche, der in die Hauptschule geht, sollte ein Jugendcoaching bekommen. Diese Berater sind wie Gatekeeper, die darauf schauen, dass bei Arbeitslosigkeit oder mangelnder Ausbildung der Jugendlichen zu uns kommen kann.

Es gibt die Integrative Berufsausbildung nach dem §8b Berufsausbildungsgesetz, wo die Lehre entweder verkürzt und maßgeschneidert wird, abgestimmt auf die Fähigkeiten der Jugendlichen. Oder die Lehrzeit verlängert wird. Es gibt in beiden Fällen eine Berufsausbildungsassistenz (Bas). Diese begleitet den Jugendlichen während der gesamten Lehrzeit, ist zuständig für die Berufsschule, das soziale Umfeld, den Betrieb und hat zum Ziel, dass der Lehrling die Abschlussprüfung schafft.

Das ist ein Mittel, dass man anwenden kann, wenn der Jugendliche die Lehre auf regulärem Wege nicht schaffen würde. Das ist ein Modell, das sehr gut funktioniert.
Wir arbeiten mit sehr vielen Unternehmen, teilweise standardisierterweise, zusammen.  Das Kuratorium Wiener Pensionistenwohnhäuser, stellt jährlich 5-6 integrative Plätze zur Verfügung und wir kümmern uns darum, machen die Auswahl der Lehrlinge etc.
Ich glaube, die Förderung mit Manpower ist das, was wirklich was bringt und man sehr viel auffangen kann. Wir sind auch vor Ort, schauen, wo es Probleme geben könnte, woran es möglicherweise hapert.

 

Wenn ich mich als Unternehmer engagieren möchte und überlege, Lehrlinge aufzunehmen, die aus ihrem Land flüchten mussten, was raten Sie mir?

Sie sollen wirklich viel in die Vorarbeit investieren. Konkret meine ich damit, möglichst viele Vorfragen klären. Hat man die Belegschaft, die das mitträgt und eignet sich das betriebliche Umfeld wirklich dafür? Hat man die Kapazität, während des laufenden Betriebes ein bisschen mehr Zeit zu investieren? Gibt es vielleicht einen Mentor, der den zukünftigen Lehrling unter seine Fittiche nehmen kann? Das sind einige der Fragen, die im Vorfeld beantwortet werden sollten. Wir können zwar einiges auffangen, aber es wäre schon gut, wenn es im Betrieb eine wirklich verlässliche Ansprechperson gäbe. Die sollte auch Ansprechpartner für den Direktor, die Lehrer in der Berufsschule sein. Je größer der Betrieb ist, umso mehr müssen halt auch alle Ebenen mittun.

Nochmals möchte ich erwähnen, dass man sehr gut überlegen soll, wie der Lehrling tatsächlich gut zu integrieren ist. Und aus meiner Erfahrung zeigt sich, dass bei intensiver Vorleistung sich letztlich alle freuen und davon profitieren. Auch wenn es nicht immer der beste Lehrling ist, der Allerverlässlichste wird er bestimmt bei guter Betreuung. Innerbetrieblich wird zudem angeregt, dass sich Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für einen Lehrling engagieren können und etwas Besonderes leisten. Auch so manche Personalentwicklungs- und Ausbildungsprozeße wurden dadurch angestoßen. Man kann danach immer reflektieren und schauen, was man verbessern kann.

© Bild: Verein T.I.W.

© Bild: Verein T.I.W.

Wie kommt man nun zu jenen besagten Jugendlichen?

Da gibt es nicht nur einen Weg. Es gibt einige Institutionen, an die ich mich wenden kann. Das AMS in Wien ist da wirklich engagiert und auch an uns kann man sich selbstverständlich wenden. Es ist immer wichtig, vorab den Jugendlichen kennenzulernen. Ein intensives Gespräch führen, um herauszufinden, ob die Chemie stimmt, das rate ich auf jeden Fall.
Dann geht es darum, ob der Jugendliche eine Volllehre schafft. Wenn nicht, dann kommt er zu uns.

Mit wievielen Unternehmern kooperieren Sie? Welche Branchen decken Sie ab? Wie viele ihrer  Lehrlinge machen gerade eine Ausbildung?

Wir haben in der integrativen Lehre 100 Lehrlinge, die gerade eine Lehrstelle machen. Das sind natürlich nicht nur Flüchtlinge. Vom Friseurlehrling bis zum Rechnungswesen ist die Bandbreite. Und etwa 260 Firmen kooperieren mit uns.

Worauf ich unbedingt noch hinweisen möchte ist, dass die meisten Flüchtlinge älter als 15 Jahre alt sind. Viele können und dürfen hier erst mit 17 und 18 Jahren zu arbeiten beginnen. Die haben auch einen ganz anderen Lebens- und Erfahrungshintergrund. Daher hat man es oftmals mit erwachseneren Jugendlichen zu tun. Sie sind reifer, oft nicht mehr so stark pubertierend, sind gesetzter und erwachsener.

Noch zum Schluss ein Hinweis, denn das wissen leider noch nicht sehr viele Unternehmer. Sollte ein Jugendlicher eine Volllehre machen, es jedoch während der Lehrzeit zu massiveren Problemen kommen, kann man sich an uns wenden. Wir geben dann eine Experise ab, und wenn es sein muss, wird auf eine integrative Lehrstelle umgestellt.

 

Ich danke Ihnen für das interessante Gespräch.
Ich danke Ihnen!

 

Weitere Artikel zum Thema Lehre, Lehrlinge und Lehrberufe:

Flüchtlinge – Lehrlinge – Unternehmen: Veronika Krainz von lobby.16 im Interview »

Flüchtlinge – Lehrlinge – Unternehmen: Ing. Mag. (FH) Richard Döltl im Interview »

Flüchtlinge + Ausbildung: Wir berichten über engagierte Unternehmer und Unternehmerinnen »

Lehre im Fokus: … engagierte Lehrherren sollten wieder mehr Lehrlinge aufnehmen!! »

Lehre im Fokus: … wie man besser zum passenden Lehrbetrieb findet. »

 Lehre im Fokus: Lehre oder doch lieber Fachschule? »

Lehre im Fokus: … ein Zuckerbäckergeselle und Lehrling im Druckereigewerbe plaudert aus der Schule »

 

Author: Maria Nasswetter

Share This Post On

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.