Nachhilfe-Boom: Absehbare Folgen für unsere Wettbewerbsfähigkeit
Nachhilfe ist längst kein Randphänomen mehr. Österreichweit benötigen Hunderttausende Kinder zusätzliche Unterstützung beim Lernen. Was zunächst wie ein Problem von Familien und Bildungspolitik aussieht, hat auch eine wirtschaftliche Dimension – und betrifft gerade KMU.
Die aktuellen Zahlen aus Oberösterreich sind bemerkenswert: Rund 32.000 Schüler:innen hatten im vergangenen Schuljahr bezahlte Nachhilfe. Im Durchschnitt gaben ihre Familien dafür 810 Euro pro Kind aus, insgesamt 26,2 Millionen Euro. Doch Oberösterreich ist kein Sonderfall.
338.000 erhalten Nachhilfe
Der aktuelle österreichweite Nachhilfebarometer 2026 der Arbeiterkammer zeigt eine noch größere Dimension. Demnach erhalten rund 338.000 Kinder und Jugendliche beziehungsweise 32 Prozent aller Schüler:innen Nachhilfe. Bereits 23 Prozent der Volksschulkinder benötigen zusätzliche Unterstützung. Für bezahlte Nachhilfe geben österreichische Familien durchschnittlich 720 Euro pro Kind und Jahr aus – insgesamt rund 144 Millionen Euro jährlich. Grundlage ist eine repräsentative IFES-Befragung von 4.691 Schulkindern in 3.208 Haushalten.
Ein Drittel hat Bedarf an Unterstützung – Mathematik Spitzenreiter
Man kann darüber diskutieren, ob jede Nachhilfestunde tatsächlich notwendig ist. Manche Eltern wollen Noten verbessern, andere den Wechsel in eine bestimmte weiterführende Schule ermöglichen. Trotzdem ist die Größenordnung bemerkenswert.
Mehr als ein Drittel der österreichischen Schulkinder hat laut Nachhilfebarometer überhaupt Bedarf an zusätzlicher Unterstützung. Besonders häufig geht es um Mathematik. In der aktuellen steirischen Erhebung beispielsweise benötigen 66 Prozent jener Kinder, die Nachhilfe bekommen, Unterstützung in diesem Fach.
Genau hier wird aus einer bildungspolitischen Frage eine wirtschaftspolitische.
Mathematik, Deutsch, Fremdsprachen und naturwissenschaftliche Grundlagen gehören zu jenen Kompetenzen, auf denen spätere berufliche Ausbildung aufbaut. Ein erfolgreicher Umgang mit KI wird nur auf Basis eine breiten Grundwisssens gelingen. Wenn diese Grundlagen in wachsendem Ausmaß außerhalb der Schule gefestigt werden müssen, verschwindet das Problem nicht mit dem letzten Schultag. Ein Teil davon landet später bei den Ausbildungsbetrieben.
KMU brauchen Jugendliche mit soliden Grundlagen
Für kleine und mittlere Unternehmen ist das besonders relevant. Viele KMU bilden selbst Lehrlinge aus und sind damit unmittelbar Teil des österreichischen Ausbildungssystems. Gleichzeitig wird die Suche nach Fachkräften schwieriger.
Nach dem aktuellen Arbeitskräfteradar der Wirtschaftskammer sind trotz schwacher Konjunktur rund drei Viertel der österreichischen Betriebe vom Arbeits- und Fachkräftemangel betroffen. Bis 2040 dürfte zudem die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 64 Jahren um rund 262.000 sinken.
Unter diesen Voraussetzungen müssen immer öfter die Ausbildungsbetriebe in die Bresche springen, wenn sie auch zukünftig Fachpersonal beschäftigen wollen.
Betreibe müssen schulische Grundlagen nachholen
Besonders deutlich wird das bei der Lehre. Das Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft nennt neben der demografischen Entwicklung ausdrücklich Defizite bei Grundkompetenzen als eine der Herausforderungen für die zukünftige Lehrlingsausbildung.
Wenn Ausbildungsbetriebe zuerst schulische Grundlagen nachholen müssen, bevor die eigentliche berufliche Ausbildung beginnen kann, entsteht zusätzlicher Aufwand. Für große Unternehmen mit eigenen Ausbildungszentren ist das vielleicht verkraftbar. Für einen Handwerksbetrieb mit zehn oder zwanzig Beschäftigten sieht die Rechnung anders aus.
Vielfache Mehrbelastung für Eltern
Eine zweite wirtschaftliche Dimension wird leicht übersehen. Eltern verbringen erheblich Zeit damit, schulische Defizite auszugleichen.
Laut österreichweitem Nachhilfebarometer unterstützen 68 Prozent der Eltern ihre Kinder mehrmals pro Woche beim Lernen. Gleichzeitig hängt Bildungserfolg nach Einschätzung vieler Eltern nicht nur von den Fähigkeiten der Kinder, sondern wesentlich von Zeit und Einkommen der Familie ab.
Diese Eltern sind aber gleichzeitig Arbeitnehmer:innen, Selbstständige und Unternehmer:innen.
Wer nach der Arbeit regelmäßig Hausübungen kontrolliert, Mathematik erklärt, für Prüfungen lernt oder Kinder zur Nachhilfe bringt, erlebt die oft komplizierte Vereinbarkeit von Beruf und Familie ganz konkret. Das ist keine abstrakte gesellschaftspolitische Größe. Es geht um Zeit, Belastung und Verfügbarkeit.
Nachhilfe ist kein Randphänomen
Natürlich kann man aus einer Nachhilfestudie nicht ableiten, dass Österreichs Schulen grundsätzlich versagen. Und Nachhilfe wird es immer geben. Kinder lernen unterschiedlich schnell, Prüfungen erzeugen Druck und Eltern haben unterschiedliche Erwartungen.
Aber bei 338.000 Kindern und Jugendlichen kann man kaum mehr von einem Randphänomen sprechen.
Wenn Lernerfolg zunehmend davon abhängt, ob Eltern ausreichend Zeit haben oder mehrere hundert Euro jährlich investieren können, entsteht zudem ein zweites Problem: Potenzial geht verloren. Familien mit höheren Einkommen können Schwierigkeiten leichter durch zusätzliche Förderung kompensieren als Familien, denen dafür das Geld fehlt.
Bildungspolitik ist Standortpolitik
Für eine Volkswirtschaft, die gleichzeitig über Fachkräftemangel und demografischen Wandel klagt, ist das eine gefährliche Entwicklung.
Die Forderung nach besserer schulischer Förderung, funktionierenden Ganztagsschulen oder mehr Unterstützung für Kinder mit Lernproblemen ist deshalb nicht nur Sozialpolitik.
Sie ist auch Wirtschaftspolitik.
Denn wenn Schule ihre Aufgabe nicht ausreichend erfüllen kann, verschwindet die Rechnung nicht. Zuerst bezahlen die Familien. Später zahlen möglicherweise die Ausbildungsbetriebe – und am Ende die gesamte Wirtschaft.
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