Lehre im Fokus – Mehr Engagement wäre gefordert!

© visual: www.corporate-interaction.com Wir bringen ab sofort das Thema Lehrlinge in Österreich auf die Bühne

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Wir bringen ab sofort das Thema Lehrlinge in Österreich auf die Bühne

Wir beleuchten das Thema Lehre in Österreich mit allen seinen Facetten und werden dazu viele Fragen stellen. Ausländische Betriebe betrachten die duale Ausbildung in Österreich als vorbildhaft. In Österreich selbst hat die Lehre ein viel schlechteres Ansinnen. Dieser Diskrepanz wollen wir auf den Grund gehen. Daher werden wir Interviews mit AusbildnerInnen, Lehrlingen, großen und kleinen Betrieben, mit SchuldirektorInnen und SchülerInnen führen. Statistiken und aktuelle Berichte werde diese Berichtserstattungen abrunden.
Aktuell gibt es 199 verschiedene Lehrberufe in Österreich.

 

 

© Bild: buchkontor.at Wenn Unternehmer gute Mitarbeiter wollen, dann müssen sie auch dem Nachwuchs ihr Handwerk beibringen.

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Wenn Unternehmer gute Mitarbeiter wollen, dann müssen sie auch dem Nachwuchs ihr Handwerk beibringen.

Meine erste Interviewpartnerin ist Ulla Harms. Sie betreibt seit 2009 die Buchhandlung Buchkontor im 15. Bezirk in Wien und den Verlag Perlen.Reihe. Außerdem ist sie als freie Verlagsvertreterin seit 2004 selbstständig.

Alles weitere dazu auf: www.buchkontor.at

Welchen Lehrberuf kann man bei Dir erlernen?

Bei mir kann man mehrere Lehrberufe erlernen und zwar: Buch- und Musikalienhandel; Buch- und Medienwirtschaft – Verlag;
Normalerweise dauert die Lehre drei Jahre. Beginnt man mit der Lehre und hat bereits die Matura, dann dauert die Lehre zwei Jahre, ohne Matura sind es drei Jahre. MaturantInnen haben den Vorteil, dass die Lehrlingsentschädigung von drei Jahren auf die vorgesehenen Lehrzeit von 24 Monaten aufgeteilt wird. Das hat zur Folge, dass bereits nach acht Monaten das erste Lehrjahr absolviert ist und damit ein Gehaltsprung ins zweite Lehrjahr erfolgt. Nach weiteren acht Monaten geht es dann schon ins dritte Lehrjahr mit wieder einem Gehaltssprung. Der Buchhandel liegt im Gehaltsmittel und die Lehrlingsentschädigung beträgt hier kollektivvertraglich Euro 515,- brutto im ersten Lehrjahr; im zweiten Lehrjahr Euro 656,- brutto und im dritten Lehrjahr Euro 932,- brutto.
Den Differenzbetrag zur Mindestsicherung bekommt man dann, wenn man keine Matura in einer berufsbildenden höheren Schule absolvierte.

 

Welche Berufsaussichten hat man Deiner Meinung nach mit dieser Lehre ? Warum sollte man diesen Beruf ergreifen, warum nicht.

Trotz Onlinehandel und Filialisierung gibt es immer noch relativ viele Buchhandlungen. Auch Neue werden aufgesperrt! Schwierig ist es, geeignetes Fachpersonal zu finden. Es geht nicht, wie vielleicht oberflächlich betrachtet, ums bloße Auspreisen der Ware und der Buchsortierung. Es braucht vorrangig einen adäquaten Umgang mit Menschen und eine sehr gute Allgemeinbildung. Wie kaufe ich ein, wie kalkuliere ich, wie setzt sich der Buchpreis zusammen, wie gehe ich mit Büchern um, die sich nicht verkaufen, woran muss gedacht werden, wenn ein Büchertisch gestaltet wird; das sind einige der Fragen, die während der Lehre beantwortet und trainiert werden.
Mir ist es wichtig, meine Liebe zu diesem Beruf weiterzugeben. Ich habe noch immer eine sehr große Freude daran Buchhändlerin zu sein. Für jede Branche sollte der Aspekt der Weitergabe des Fachwissens einen hohen Stellenwert haben.
Man muss nun dazu sagen, dass von den vier Lehrlingen, die ich bis dato ausbildete, drei nicht mehr in diesem Beruf arbeiten. Eine wurde schwanger und widmet sich jetzt ganz der Familie. Die Zweite war fachlich topfit und in administrativen Belangen hervorragend geeignet. Leider jedoch zu schüchtern, um mit den Kunden zu kommunizieren. Jetzt gerade ist sie dabei eine Zusatzausbildung zur Bibliothekarin zu absolvieren. Die Dritte stellte nach einem Jahr fest, dass der Beruf der Buchhändlerin doch nicht der für sie geeignete ist.
Prinzipiell sind die Kriterien bei der Aufnahme eines Lehrlings die, dass er oder sie ins bestehende Team passen muss. Ich habe derzeit fünf Angestellte und einen Lehrling. Oft ist das Problem bei ganz jungen Lehrlingen, dass Sie noch nicht das Selbstbewusstsein haben, dass sie im Handel haben sollten. Daher nehme ich meist lieber ältere Lehrlinge.

 

Warum hast Du eine Lehre gemacht?

Ich persönlich machte damals eine HTL und schloss mit Matura als gelernte Textilingienieurin ab. In meiner Familie hatten und haben alle studiert. Das heißt, sie sind zumindest alle mal studieren gegangen, auch wenn nicht alle ein Studium abschlossen. Ich beobachtete dabei die Abhängigkeit von den Eltern und das wollte ich nicht. Daher entschloss ich mich eine zweijährige Buchhändlerlehre zu machen. Da konnte ich gleich mal was verdienen. Danach arbeitete ich drei Jahre in der Buchhandlung, in der ich gelernt hatte. Dann ging ich nach Hamburg und wurde Zentraleinkäuferin für zehn Buchhandlungen. Der Grund für meine Rückkehr nach Wien war ein tolles Jobangebot beim Verlag Deuticke und Brandstätter, bei dem ich Vertriebs- und Marketingleiterin wurde. Das war eine tolle Zeit. Danach machte ich mich als Verlagsvertreterin selbständig. Die Buchhandlung, die ich derzeit betreibe, entstand zunächst deshalb, weil ich mein Büro in ein Straßengeschäft übersiedelte. So erweiterte sich mit Hilfe meiner Kunden das Sortiment entsprechend und eineinhalb Jahre später erfolgte ein adäquater Umbau.
Zusätzlich hatte ich noch viele Jahre Verlagsvertretungen, die ich vor kurzem komplett zurücklegte. Ich widme mich derzeit voll und ganz der Buchhandlung und dem Buchverlag Perlen-Reihe.
Mein Tipp: Wer mit Büchern arbeitet, egal ob in der Werbung, als Lektor, im Marketing uvm. tut gut daran zu wissen, wie der Handel aufgebaut ist und wie er funktioniert. Mit einem abgeschlossenen Studium der Germanistik und einer Buchhandelslehre steht einem die Welt im Verlagswesen weit offen.

 

Welche bisherigen Erfahrungen hast Du mit Lehrlingen gemacht?

Durchwegs positive Erfahrungen, auch wenn das nicht immer zu einem positiven Lehrabschluss führte und sie frühzeitig abbrachen.
Ich würde es Betrieben sehr empfehlen, Lehrlinge auszubilden. Man hat damit eine Chance großartige Mitarbeiter aufzubauen. Je besser dein Personal, umso erfolgreicher ist die Firma! Da geht es selbstverständlich auch um das Betriebsklima und dem sich wohlfühlen.

 

Wie ist Deiner Meinung nach das Image des Lehrberufes?

Ich glaube, dass es ein sehr schlechtes Images hat. 15-18jährige finden es nicht cool, so erlebe ich das. Ich finde, dass es ein großes Manko der Wirtschaftskammer ist, dass sie keine Lehrlingsoffensiven in Schulen machen. SchülerInnen müssen rechtzeitig davon  informiert werden, dass es Alternativen zur klassischen Matura gibt. Lehre wird leider mit Schulabbrechern assoziiert und bleibt damit immer nur Plan B.

 

Wie könnte man das Image verbessern und den Lehrberuf attraktiver gestalten?

© Bild: buchkontor.at Alle Verantwortlichen sollten sich noch mehr anstrengen um die Lehre noch attraktiver zu machen.

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Alle Verantwortlichen sollten sich noch mehr anstrengen um die Lehre noch attraktiver zu machen.

Es müsste eine groß angelegte Kampagne quer durch alle Medien erfolgen. Wenn ich als Unternehmer einen Nutzen davon habe, gut ausgebildetes Personal zu bekommen, dann müssen die Lehrer, die meine zukünftigen Mitarbeiter ausbilden, die Besten sein und mit dem aktuellsten und besten Material ausgestattet sein.
Ich bin Prüferin bei den Lehrabschlussprüfungen. Das ist ein Zusammenspiel zwischen WKO und Berufsschule. Wenn die Wirtschaftskammer erst dann Kontakt aufnimmt, wenn die Prüfung ist – denn die WKO nimmt die Prüfung ab – dann ist das sehr spät. Davor kommuniziert die WKO nie mit den Ausbildern und schon gar nicht spartenübergreifend. Die Zuständigen könnten sich darum kümmern, dass die Lehrer aktuelles Fachwissen haben. In meiner Branche betrifft das die Themen ebooks und den Onlinehandel. Bei der Prüfung wird für den Prüfling ein Verkaufsgespräch nachgestellt. Das sollte möglichst realistisch sein. Seit zehn Jahren nun funktioniert die Internetverbindung in dieser Schule immer wieder mal nicht! Ich spreche von der Berufsschule für Buch- und Medienwirtschaft. Darüberhinaus gibt es keinerlei Kommunikation zwischen WKO, Verlagen und Schulen. Ein einfaches Beispiel: das billigste Werbemittel für Verlage ist ein Buch. Da könnte man aushandeln, dass aktuelle Bücher an die Berufsschulen ausgeliefert werden und die Schüler hätten tolles Anschauungsmaterial. Sowas passiert einfach nicht!
Die Berufsschule kann nur so gut sein wie die Wirtschaft sie macht. Wenn alle Betriebe sagen ich möchte die Besten, dann muss ich gewillt sein, auch die Schulen zu unterstützen.

 

Du hast auch eine Lehre zur Buchhändlerin gemacht? Haben sich die Anforderungen an die Lehrlinge verändert? Wenn ja, wie genau?

Ja, alleine durch das Internet und durch die Konkurrenzsituation. Da hat sich im Handel sehr viel verändert. Frequenz, Einkaufszentren, Onlinehandel, Kommunikation mit Kunden im Facebook; Wie gestalte ich einen Webshop, wie organisiert man gute Veranstaltungen, wie bekomme man die Kunden ins Geschäft.
Dieses Wissen muss vor Ort in der Praxis vermittelt werden und sollte auch in den Berufsschulen adäquat und zeitgemäß gelehrt werden.

 

Was soll der Lehrling für diese Lehre im Optimalfall mitbringen bzw. womit muss gerechnet werden?

Ganz wichtige Eigenschaften sind Neugierde und Wissenshunger. Interesse an der Umwelt und dem was gerade auf der Welt passiert. Fröhlichkeit, Kontaktfreudigkeit und ein Kommunikationswille sind Fähigkeiten, die im Handel sehr gefragt sind.
Der Lehrling, der zu uns kommt wird mit vielen verschiedenen Themen konfrontiert, weil es hier um Buchhandel, um den Verlag und die Verlagsvertretung geht. Es geht auch um Auslagengestaltung, Gespür für Grafisches, und es ist auch körperlich sehr anstrengend. Denn Bücher sind schwer und diese müssen immer wieder zu Buchausstellungen transportiert werden. Wir haben alleine im Herbst zehn Ausstellungen in Schulen.
Daher eignet sich der Buchhandel ebenso gut für starke Männer!

 

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Author: Maria Nasswetter

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