Kommentar Klimaschutz: Wir können uns den Klimawandel nicht mehr leisten!
In der österreichischen Klimadebatte fällt seit Jahren derselbe Satz: Klimaschutz sei wichtig, aber angesichts schwacher Konjunktur, hoher Energiepreise und angespannter öffentlicher Haushalte derzeit kaum finanzierbar. Vor allem aus der Wirtschaft kommt regelmäßig die Warnung, zusätzliche Klimaschutzmaßnahmen würden Unternehmen überfordern und die Wettbewerbsfähigkeit gefährden.
Diese Argumentation blendet allerdings die entscheidende Frage aus:
Was kostet es, nichts oder zu wenig zu tun?
Im Ö1-Mittagsjournal vom 1. August schilderte der Klimaforscher Christian Griebler ein Beispiel, das den wirtschaftlichen Irrsinn unserer bisherigen Logik besonders deutlich macht. Ein Landwirt stellt seine Felder gezielt als Überflutungsfläche zur Verfügung. Bei Hochwasser kann sich das Wasser dort ausbreiten, statt Siedlungen, Straßen oder Betriebe zu überschwemmen. Zusatzlich werden dadurch Grundwasserreserven erneuert.
Für den Bauern bedeutet das möglicherweise einen Ernteausfall. Die Gesellschaft profitiert jedoch von einer erheblichen Schadensbegrenzung und der Tstache, dass Grundwasser Trockenzeiten besser ausgleichen kann. Trotzdem ist unser System bisher darauf ausgerichtet, nach einer Katastrophe Entschädigungen zu bezahlen, als den Landwirt dauerhaft für seine vorsorgende Leistung zu honorieren.
Wir bezahlen also die Überschwemmung, aber nicht ihre Verhinderung. Und in anderen Jahren die Ernteausfälle durch Trockenheit.
Die Schäden sind da und werden größer
Hitze, Trockenheit und Starkregen sind längst kein Problem kommender Generationen. Sie verursachen bereits heute konkrete Kosten: niedrigere Ernten, Waldschäden, Produktionsausfälle, höhere Kühlkosten, beschädigte Infrastruktur, gesundheitliche Belastungen und sinkende Arbeitsproduktivität.
Das österreichische Umweltbundesamt beziffert die wetter- und klimawandelbedingten Schäden derzeit mit rund zwei Milliarden Euro jährlich. Bis 2050 könnten allein diese Schäden auf durchschnittlich sechs bis zwölf Milliarden Euro pro Jahr steigen. Dabei sind manche Risiken – etwa größere Waldbrände, Biodiversitätsverluste oder die Ausbreitung bestimmter Krankheiten – noch gar nicht vollständig eingerechnet.
Die Landwirtschaft zeigt besonders anschaulich, wie rasch sich diese Entwicklung zuspitzt. Hitze, Trockenheit, Hagel und Überschwemmungen verursachten in Österreich zwischen 2015 und 2024 jedes Jahr Schäden in dreistelliger Millionenhöhe. Für 2024 weist der Umweltkontrollbericht landwirtschaftliche Schäden von rund 260 Millionen Euro aus. Mehr als 60 Millionen Euro davon gingen allein auf Rekord-Starkniederschläge zurück.
Trockenheit wirkt weniger spektakulär als ein Hochwasser, aber oft großflächiger und länger. Sie reduziert Erträge, verteuert Futtermittel, belastet Wälder und senkt Grundwasserstände. Die Kosten tauchen später in Lebensmittelpreisen, Versicherungsprämien, öffentlichen Hilfszahlungen und kommunalen Budgets auf.
Alle Unternehmen zahlen – auch die wenig betroffenen
Für Unternehmen endet das Problem nicht am Feldrand. Hohe Temperaturen senken die Leistungsfähigkeit von Menschen. In schlecht gekühlten Büros, Werkstätten, Küchen, Lagerhallen oder auf Baustellen sinken Konzentration, Arbeitstempo und Sicherheit.
Hinzu kommen höhere Energiekosten für Kühlung, mögliche Einschränkungen der Stromproduktion, Probleme bei Transportwegen und Unterbrechungen internationaler Lieferketten. Das Umweltbundesamt nennt ausdrücklich Produktivitätsverluste durch Hitze sowie Schäden in Industrie, Handel, Tourismus, Energieversorgung und Verkehr als wesentliche wirtschaftliche Klimafolgen.
Das bedeutet: Auch ein Unternehmen, das selbst nicht von Hochwasser oder Dürre betroffen ist, zahlt mit. Über höhere Einkaufspreise, Lieferverzögerungen, Steuern, Versicherungen und krankheitsbedingte Ausfälle.
Vorsorge muss sich wirtschaftlich lohnen
Das Beispiel des Bauern führt deshalb zu einer grundsätzlichen Frage: Welche Leistung belohnen wir?
Wer einen Boden entsiegelt, Wasser zurückhält, einen Auwald erhält, ein Gebäude beschattet oder eine Produktionsanlage klimafest macht, schafft einen wirtschaftlichen Wert. Dieser Wert erscheint jedoch selten in einer klassischen Bilanz. Sichtbar werden meist erst die Kosten, wenn die Vorsorge unterbleibt.
Ein Bauer, dessen Felder kontrolliert überflutet werden, ist daher nicht bloß ein Geschädigter. Er erbringt eine Dienstleistung für die Allgemeinheit. Er schützt Häuser, Betriebe und öffentliche Infrastruktur. Dafür braucht es verlässliche Verträge und angemessene Zahlungen – nicht nur eine Entschädigung nach der Katastrophe.
Dasselbe Prinzip gilt für Gemeinden und Unternehmen. Investitionen in Beschattung, Begrünung, Wasserrückhalt, widerstandsfähige Gebäude, erneuerbare Energie und effizientere Produktionsprozesse dürfen nicht nur als Kosten betrachtet werden. Sie reduzieren zukünftige Schäden und wirtschaftliche Risiken.
Nichtstun ist NICHT billiger
Natürlich kostet Klimaschutz Geld. Auch Klimaanpassung ist nicht kostenlos. Doch daraus folgt nicht, dass Nichtstun billiger wäre.
Für das Jahr 2024 schätzt das Umweltbundesamt die gesamten Kosten des klimapolitischen Nicht-Handelns – einschließlich Klimaschäden, Anpassungsmaßnahmen, fossiler Energieimporte und klimaschädlicher Förderungen – auf knapp 20 Milliarden Euro. Allein für fossile Energie flossen rund zehn Milliarden Euro aus Österreich ab.
Die wirtschaftlich entscheidende Frage lautet daher nicht mehr: Können wir uns Klimaschutz leisten?
Sie lautet: Wie lange können wir es uns noch leisten, Schäden zu bezahlen, statt ihre Ursachen zu bekämpfen und rechtzeitig vorzusorgen?
Die Antwort fällt zunehmend eindeutig aus: Nicht mehr sehr lange.
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