Streckensperre in Deutschland stellt Güterverkehr für ÖBB auf die Probe
Die anstehenden Generalsanierungen der Deutschen Bahn auf der Achse Passau–Nürnberg stellen die österreichische Wirtschaft und die ÖBB vor einen Härtetest. Ab Februar 2026 wird eine der wichtigsten Nordverbindungen für den Personen‑ und Güterverkehr monatelang nur eingeschränkt oder gar nicht verfügbar sein – mit erheblichen Umwegkilometern, Mehrkosten und Kapazitätsengpässen.
Engpass am Korridor Passau–Nürnberg
Mit Beginn 2026 startet die Deutsche Bahn ihre Generalsanierung auf der stark befahrenen Strecke Nürnberg–Regensburg–Passau, die Teil der europäischen Rhein‑Donau‑Achse ist. Zwischen Februar und Juli 2026 wird zunächst der Abschnitt Nürnberg–Regensburg, im Anschluss daran in der zweiten Jahreshälfte die Verbindung Obertraubling–Passau für umfangreiche Arbeiten an Gleisen, Weichen, Oberleitungen und Bahnhöfen gesperrt.
Auswirkungen auf den Personenverkehr
Besonders sichtbar werden die Einschränkungen im grenzüberschreitenden Fernverkehr zwischen Wien und Nürnberg. Ein Großteil der ICE‑Verbindungen über Passau entfällt, lediglich ein kleiner Teil der Züge wird großräumig über Ingolstadt umgeleitet, was die Fahrzeit um etwa eine Stunde verlängert. Für Reisende aus Österreich verlagern sich die Verkehre stärker auf die Relation Wien–München; von dort müssen Anschlüsse Richtung Nürnberg und Norddeutschland genutzt werden.
Belastungsprobe für Güterverkehr und Standorte
Noch gravierender sind die Folgen für den Güterverkehr, der bisher in großem Umfang den Korridor über Passau und Nürnberg nutzt. Laut Infrastrukturplanungen müssen für die Dauer der Sperren täglich zahlreiche Güterzüge auf innerösterreichische Achsen wie die Weststrecke oder alternative Alpen‑Korridore umgeleitet werden, was zu erheblichen Laufweg‑ und Zeitverlängerungen führt. Die Kapazitäten auf diesen Umleitungsstrecken sind jedoch begrenzt und stehen in Konkurrenz zu weiteren Bauprojekten – etwa Einschränkungen an der Tauernstrecke oder auf der Brennerachse, die parallel zusätzliche Engpässe verursachen.
ÖÖB-Chef Matthä: 80% des Güterverkehr müssen umgeleitet werden.
Im Zuge der Generalsanierung der Deutschen Bahn ist heuer ab 6. Februar die Strecke zwischen Nürnberg und Regensburg und in weiterer Folge dann jene zwischen Regensburg und Passau komplett für den Zugverkehr gesperrt. „Das fordert uns massiv. Wir müssen Umleitungsverkehre einrichten, die eine Lawine kosten“, sagte ÖBB-Generaldirektor Andreas Matthä vor Journalisten im Klub der Wirtschaftspublizisten.
Betroffen von dieser Streckensperre sei in erster Linie der Güterverkehr, läuft doch hier ein Großteil des Warenaustausches auf der Schiene von Deutschland nach Österreich und vice versa. 80 Prozent des erwarteten Güterverkehrs müssten umgeleitet werden, rechnet Matthä. „Die Ausweichrouten werden über München und Salzburg sowie über die Franz-Josefs-Bahn und die Nordbahn durch Tschechien führen“, präzisiert der ÖBB-Chef.
Spannend: Wird der Bahnverkehr von Nürnberg nach Wien durch Südböhmen und durch das Waldviertel geleitet, verlängert sich die Strecke um rund 200 Kilometer. Die Güterzüge in die und aus der Bundeshauptstadt rollen dann über Eger (Cheb), Pilsen und Gmünd.
Strategische Antwort der ÖBB
Die ÖBB-Infrastruktur und -Personenverkehr reagieren mit einem Bündel an Maßnahmen, um die Erreichbarkeit der Märkte trotz Sperre sicherzustellen. Im Personenverkehr sollen zusätzliche Kapazitäten auf der Weststrecke Wien–Linz–Salzburg–München, punktuelle Zusatzverbindungen und ein angepasstes Fahrplankonzept die wegfallenden Direktverbindungen über Passau teilweise kompensieren. Gleichzeitig müssen innerösterreichische Fern‑ und Regionalzüge eingeschränkt werden, um im dichten Takt Platz für umgeleitete Güterverkehrszüge zu schaffen. Im Hintergrund laufen Abstimmungen mit Politik, Wirtschaftskammern und verladenen Unternehmen, um besonders zeitkritische Güter und zentrale Industriecluster bevorzugt zu bedienen und alternative Logistikketten frühzeitig zu planen.
Langfristige Perspektive für den Standort
Kurzfristig bedeutet die Generalsanierung zusätzliche Belastungen für Fahrgäste und Wirtschaft, langfristig soll sie jedoch die Wettbewerbsfähigkeit des Schienennetzes im deutsch‑österreichischen Korridor stärken. Durch die gebündelte Modernisierung der stark beanspruchten DB‑Strecken erwartet man robustere Infrastruktur, höhere Kapazitäten und mehr Stabilität im grenzüberschreitenden Verkehr – ein entscheidender Faktor für klimafreundliche Logistikketten und internationale Bahnangebote. Für Österreich bleibt allerdings die strategische Frage, wie stark sich die heimische Volkswirtschaft von Engpässen auf ausländischen Korridoren abhängig machen will – und welche Investitionen in eigene Kapazitäten notwendig sind, um künftige Sperren besser abfedern zu können.
Quellen: ÖBB, Kurier, Niederösterreichischer Wirtschaftspressedienst




