62.850 neue Hochschulabschlüsse – und trotzdem fehlen die Fachkräfte
Österreichs Hochschulen melden Rekordzahlen. Noch nie haben so viele Menschen studiert, noch nie wurden so viele Studien abgeschlossen. Für den Arbeitsmarkt klingt das zunächst nach einer guten Nachricht. Doch mehr akademische Bildung bedeutet nicht automatisch weniger Fachkräftemangel. Entscheidend ist zunehmend, welche Qualifikationen wo gebraucht werden.
Österreich wird akademischer. Im Wintersemester 2025/26 waren laut Statistik Austria 407.485 Menschen an österreichischen Hochschulen eingeschrieben – so viele wie noch nie. Auch bei den Abschlüssen wurde ein neuer Höchststand erreicht: Im Studienjahr 2024/25 wurden 62.850 ordentliche Studien abgeschlossen, um 3,9 Prozent mehr als im Jahr davor.
Besonders dynamisch entwickeln sich die Fachhochschulen. Dort stieg die Zahl der ordentlichen Studierenden um 6,5 Prozent, bei Bachelorstudien sogar um 7,3 Prozent. Das ist für die Wirtschaft durchaus relevant, schließlich sind Fachhochschulen ausdrücklich berufs- und anwendungsorientiert.
Ein Abschluss allein löst den Fachkräftemangel nicht
Trotzdem ergibt sich ein scheinbarer Widerspruch: Österreich bringt immer mehr Akademikerinnen und Akademiker hervor – und gleichzeitig klagen Unternehmen über fehlende Arbeitskräfte.
Die Erklärung dafür ist relativ einfach. Der Fachkräftemangel ist kein allgemeiner Mangel an gut ausgebildeten Menschen, sondern ein Mangel an bestimmten Qualifikationen an bestimmten Orten.
Das zeigt auch ein Blick auf die offenen Stellen. Im Jahresdurchschnitt 2025 gab es in Österreich rund 139.900 offene Stellen. Nur 11,8 Prozent davon verlangten einen Abschluss über Maturaniveau. Bei rund 30 Prozent wurde ein Lehrabschluss vorausgesetzt.
Ein zusätzlicher Universitätsabschluss hilft einem Betrieb, der dringend Elektrotechniker, Installateurinnen, Pflegekräfte oder qualifizierte Produktionsmitarbeiter sucht, daher zunächst wenig.
Die entscheidende Frage lautet also nicht: Studieren in Österreich zu viele Menschen? Sie lautet vielmehr: Passen die erworbenen Qualifikationen zu den Veränderungen des Arbeitsmarktes?
Österreichs Arbeitsmarkt braucht beides
Gegen die häufig vorgebrachte These einer generellen „Überakademisierung“ spricht jedenfalls die Beschäftigungssituation. Menschen mit Hochschulabschluss haben weiterhin sehr gute Chancen am österreichischen Arbeitsmarkt. 2025 lag die Erwerbstätigenquote der 25- bis 64-Jährigen mit Hochschul- oder Akademieabschluss bei 87,5 Prozent. Ihre Arbeitslosenquote betrug 4,0 Prozent und lag damit deutlich unter dem Durchschnitt.
Das Bildungsniveau der österreichischen Bevölkerung hat sich gleichzeitig massiv verändert. 2005 verfügten 9,6 Prozent der Bevölkerung über einen Hochschulabschluss, 2025 waren es bereits 18,6 Prozent. Unter den Erwerbstätigen stieg der Akademikeranteil innerhalb von 20 Jahren von 13,3 auf 24,6 Prozent.
Der Arbeitsmarkt konnte diesen enormen Zuwachs bislang also durchaus aufnehmen.
Das Problem liegt an anderer Stelle: Eine moderne Volkswirtschaft braucht Softwareentwickler genauso wie Elektrotechnikerinnen, Ärztinnen ebenso wie Pflegekräfte, Betriebswirte ebenso wie Installateure. Mehr Hochschulabsolventen ersetzen deshalb weder die Lehre noch die berufliche Weiterbildung.
Und dann kommt die KI
Für die aktuellen Absolventenjahrgänge kommt eine weitere Unsicherheit hinzu. Künstliche Intelligenz verändert gerade jene Tätigkeiten besonders schnell, über die junge Akademiker traditionell in Unternehmen einsteigen: Recherche, Textproduktion, Übersetzung, Datenaufbereitung, einfache Programmierung oder administrative Wissensarbeit.
Ob dadurch tatsächlich weniger akademische Einstiegsjobs entstehen, lässt sich aus den aktuellen Hochschuldaten noch nicht ableiten. Die Frage dürfte für Unternehmen und Hochschulen in den kommenden Jahren aber erheblich an Bedeutung gewinnen.
Denn möglicherweise verschiebt sich der Wert eines Studiums: weg vom bloßen Beherrschen standardisierbarer Tätigkeiten und stärker hin zu Fachwissen, Problemlösungskompetenz, Kreativität, Kommunikation und der Fähigkeit, KI produktiv einzusetzen.
Für KMU wird Ausbildung zur strategischen Aufgabe
Für Unternehmen ergibt sich aus den Rekordzahlen daher keine Entwarnung. 62.850 Studienabschlüsse bedeuten nicht automatisch 62.850 Arbeitskräfte mit genau jenen Fähigkeiten, die gerade benötigt werden.
Vor allem KMU werden deshalb stärker selbst aktiv werden müssen: durch Lehrlingsausbildung, Weiterbildung bestehender Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Kooperationen mit Schulen und Fachhochschulen.
Vielleicht sollten wir deshalb auch die Diskussion über den Fachkräftemangel verändern. Österreich hat nicht einfach zu wenige gut ausgebildete Menschen. Die schwierigere Aufgabe besteht darin, Ausbildung, technologische Entwicklung und den tatsächlichen Bedarf der Wirtschaft besser zusammenzubringen.
Mehr Bildung bleibt dabei eine gute Nachricht. Entscheidend ist aber, was wir daraus machen.




