Digitale Souveränität – Teil 1: Die Kontrolle behalten
Digitale Souveränität, Teil 1
Wie KMU bei ihrer Software die Kontrolle behalten
Steigende Softwarepreise, neue Vertragsbedingungen oder das Ende eines vertrauten Dienstes: Wer digitale Werkzeuge nutzt, ist von deren Anbietern abhängig. Open Source kann kleinen und mittleren Unternehmen mehr Wahlfreiheit geben. Was dahintersteckt und worauf es ankommt.
Stellen Sie sich vor, der Anbieter Ihrer Bürosoftware erhöht die Preise deutlich. Ein Wechsel wäre möglich, doch Ihre Dokumente, eingespielten Abläufe und Kundendaten sind eng mit dem bisherigen System verbunden. Also verlängern Sie den Vertrag.
Solche Situationen zeigen, worum es bei digitaler Souveränität geht: Wie viel Entscheidungsfreiheit hat Ihr Unternehmen tatsächlich, wenn es um seine digitalen Werkzeuge geht?
Dahinter stehen praktische Fragen. Können Sie Ihre Daten mitnehmen, wenn Sie einen Dienstleister wechseln? Lassen sich wichtige Dokumente auch mit anderen Programmen bearbeiten? Wer hilft Ihnen weiter, wenn Ihr bisheriger IT-Partner ausfällt?
Ein digital souveränes Unternehmen kennt seine Abhängigkeiten und hält sich Alternativen offen. Dafür muss es weder eine eigene IT-Abteilung aufbauen noch alle Programme selbst betreiben.
Was Open Source digitaler Souveränität zu tun hat
Ein Baustein für mehr Unabhängigkeit ist Open Source. Damit ist Software gemeint, deren Quellcode zugänglich ist. Dieser Code ist gewissermaßen der Bauplan eines Programms. Bei Open Source dürfen andere ihn unter den jeweiligen Lizenzbedingungen prüfen, verändern und weitergeben.
Für Sie als Unternehmerin oder Unternehmer bedeutet das nicht, dass Sie selbst programmieren müssen. Der Vorteil liegt darin, dass grundsätzlich auch andere Fachleute die Software betreuen und weiterentwickeln können. Sie sind dadurch weniger stark auf den ursprünglichen Hersteller angewiesen.
Vergleichbar ist das mit einer Maschine, für die technische Unterlagen und Reparaturmöglichkeiten verfügbar sind. Sie können sich eher aussuchen, wen Sie mit der Wartung beauftragen.
Dass auf dieser Grundlage professionelle Angebote entstehen können, zeigt die Geschichte von Linux. Im September 1991 erschien die erste Version des Betriebssystems. 35 Jahre später steht Linux beispielhaft für den Aufstieg von Open Source zu einer Grundlage professioneller IT. Die Pressemeldung zum Jubiläum lässt dazu mehrere Vertreter von Open-Source-Unternehmen zu Wort kommen.
Ihre gemeinsame Botschaft: Offene Software und wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle passen zusammen. Kunden bezahlen etwa für Einrichtung, zuverlässigen Betrieb, Updates und Unterstützung bei Problemen.
Open Source bedeutet oftmals „nicht kostenlos“!
Gerade für kleinere Betriebe ist diese Unterscheidung wichtig. Auch wenn für eine Open-Source-Lösung keine Lizenzgebühren anfallen, verursacht ihr Einsatz Kosten. Daten müssen übernommen, Beschäftigte eingeschult und Systeme gewartet werden.
Entscheidend ist deshalb die Gesamtrechnung: Was kostet die Lösung über mehrere Jahre? Wie gut unterstützt sie den Arbeitsalltag? Und welche Möglichkeiten bleiben, wenn sich Anforderungen oder Preise verändern?
Ein bezahlter Wartungsvertrag kann dabei sinnvoll sein. Er schafft klare Zuständigkeiten und entlastet den Betrieb. Wahlfreiheit besteht dann, wenn bei Bedarf auch ein anderer qualifizierter Dienstleister übernehmen kann.
Sönke Liebau, Mitgründer des Open-Source-Unternehmens Stackable, spricht in der Pressemeldung von einer „permanenten Exit-Option“. Für KMU lässt sich das einfach übersetzen: Sie bleiben bei Ihrem Anbieter, weil seine Leistung passt. Ein Wechsel bleibt möglich.
Spoiler – auch offene Software kann abhängig machen
Allerdings entsteht diese Freiheit nicht allein durch die Wahl einer Open-Source-Lösung. Wenn nur ein einzelner Spezialist Ihre Installation versteht, kann auch daraus eine erhebliche Abhängigkeit werden.
Ähnliches gilt, wenn wichtige Zusatzfunktionen ausschließlich von einem Anbieter erhältlich sind. Oder wenn sich Daten zwar exportieren lassen, anschließend aber nur mit großem Aufwand in ein anderes System übernommen werden können.
Deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf die praktische Übergabe. Gibt es eine verständliche Dokumentation? Sind die notwendigen Zugänge im Unternehmen verfügbar? Können andere Dienstleister mit der Lösung arbeiten?
Auch die Sicherheit braucht klare Zuständigkeiten. Offener Code ermöglicht unabhängige Prüfungen, garantiert aber keine fehlerfreie Software. Für Updates, Datensicherungen und die Vergabe von Zugriffsrechten muss weiterhin jemand verantwortlich sein.
Beginnen Sie beim nächsten Vertrag
Für mehr digitale Souveränität müssen Sie Ihre gesamte IT nicht auf einmal umbauen. Ein guter Anlass ist eine bevorstehende Vertragsverlängerung oder die Anschaffung einer neuen Software.
Nehmen Sie zunächst einen überschaubaren Bereich unter die Lupe, beispielsweise den Austausch von Dateien mit Kunden. Prüfen Sie, welche Anforderungen wirklich wichtig sind und welche Alternativen infrage kommen.
Für das Gespräch mit Ihrem IT-Dienstleister helfen vier Fragen:
- Können wir unsere Daten vollständig in einem Format mitnehmen, das andere Programme verarbeiten können?
- Könnte ein anderer Dienstleister die Betreuung übernehmen?
- Wer kümmert sich um Updates, Datensicherung und Störungen?
- Was würde ein Wechsel konkret kosten und wie lange würde er dauern?
Die Antworten zeigen, wie groß Ihr Handlungsspielraum tatsächlich ist. Open Source kann ihn erweitern. Entscheidend ist, dass aus der theoretischen Offenheit eine im Alltag nutzbare Wahlfreiheit wird.
Im zweiten Teil geht es um künstliche Intelligenz: Was bedeutet „offen“ bei KI-Modellen, und wie können KMU die Kontrolle über ihre Daten behalten?




