Arbeitsschutz – Wann Hitze für Menschen lebensgefährlich wird
Wenn Schwitzen nicht mehr kühlt
35 Grad sind nicht immer gleich gefährlich. Ob der menschliche Körper mit Hitze zurechtkommt, hängt wesentlich von der Luftfeuchtigkeit, der Sonneneinstrahlung und der körperlichen Belastung ab. Besonders gefährdet sind Menschen, die im Freien arbeiten. Für Unternehmen wird Hitzeschutz damit zu einer Frage der Gesundheit, der Arbeitssicherheit und der betrieblichen Verantwortung.
An heißen Sommertagen konzentriert sich die öffentliche Diskussion meist auf die Lufttemperatur. 30 Grad gelten als heiß, 35 Grad als extrem und 40 Grad als kaum vorstellbar. Doch die Temperatur allein sagt noch wenig darüber aus, wie stark der menschliche Körper tatsächlich belastet wird.
Entscheidend ist, ob er seine überschüssige Wärme noch an die Umgebung abgeben kann. Der wichtigste Kühlmechanismus ist das Schwitzen. Dabei kühlt nicht der Schweiß selbst, sondern seine Verdunstung auf der Haut. Je höher die Luftfeuchtigkeit ist, desto schlechter funktioniert diese Verdunstung.
Deshalb können 35 Grad bei trockener Luft zwar belastend, aber kurzfristig noch eher verkraftbar sein. 35 Grad bei sehr hoher Luftfeuchtigkeit können dagegen schon nach vergleichsweise kurzer Zeit gefährlich werden.
Die Feuchtkugeltemperatur zeigt die tatsächliche Belastung
Wissenschaftlich wird die Kombination aus Temperatur und Luftfeuchtigkeit unter anderem durch die sogenannte Feuchtkugeltemperatur beschrieben. Sie zeigt vereinfacht gesagt, wie stark sich ein Körper durch Verdunstung noch abkühlen kann.
Lange Zeit galt eine Feuchtkugeltemperatur von 35 Grad als theoretische Überlebensgrenze des Menschen. Bei solchen Bedingungen könnte selbst ein gesunder Mensch im Schatten, ohne körperliche Anstrengung, mit ausreichend Wasser und möglichst wenig Kleidung seine Körpertemperatur langfristig nicht mehr stabil halten.
Diese Grenze wird beispielsweise ungefähr bei 35 Grad Lufttemperatur und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit oder bei rund 45 Grad und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit erreicht. Es geht also immer um die Kombination beider Werte.
Neuere Untersuchungen zeigen allerdings, dass die praktische Belastungsgrenze deutlich niedriger liegen kann. In Laborversuchen mit jungen und gesunden Erwachsenen stieg die Körperkerntemperatur bei leichter körperlicher Aktivität teilweise bereits bei Feuchtkugeltemperaturen von ungefähr 30 bis 31 Grad kontinuierlich an. Die bekannte 35-Grad-Grenze darf daher keinesfalls als sichere Schwelle verstanden werden. Sie bezeichnet vielmehr eine theoretische äußerste Grenze.
Einen exakten Zeitpunkt für den Hitzetod gibt es nicht
Ein Hitzetod tritt nicht automatisch bei einer bestimmten Außentemperatur ein. Die individuelle Gefahr hängt von vielen Faktoren ab: von der Dauer der Belastung, der körperlichen Arbeit, der direkten Sonneneinstrahlung, der Luftbewegung, der Kleidung und der Möglichkeit, Pausen in kühleren Bereichen zu verbringen.
Auch Alter, Gesundheitszustand, Medikamente und die Gewöhnung an hohe Temperaturen spielen eine Rolle. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Beschäftigte mit schwerer Schutzkleidung sowie Menschen, die körperlich anstrengende Arbeiten verrichten.
Ein Hitzschlag liegt vor, wenn die körpereigene Temperaturregulation versagt und die Körperkerntemperatur stark ansteigt. Warnzeichen können Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Verwirrtheit, Koordinationsprobleme, ungewöhnliche Gereiztheit oder ein Zusammenbruch sein. Ein Hitzschlag ist ein medizinischer Notfall.
Arbeit im Freien wird zum betrieblichen Risiko
Besonders aufmerksam müssen Menschen sein, die auf Baustellen, in der Landwirtschaft, im Straßenbau, in Gärtnereien, bei Zustelldiensten, in der Reinigung, im Tourismus oder bei Montagearbeiten im Freien tätig sind.
Sie sind nicht nur hohen Temperaturen ausgesetzt, sondern häufig auch direkter Sonnenstrahlung und körperlicher Belastung. Schwere Arbeitskleidung, Schutzhelme oder andere persönliche Schutzausrüstung können die Wärmeabgabe zusätzlich erschweren.
Hitze beeinträchtigt zudem Konzentration, Reaktionsgeschwindigkeit und Urteilsvermögen. Dadurch steigt nicht nur das Risiko für Kreislaufprobleme, sondern auch für Stürze, Fehlbedienungen und Arbeitsunfälle. Die AUVA verweist auf Studien, nach denen das Unfallrisiko bereits ab Tageshöchsttemperaturen von 30 Grad deutlich steigen kann.
Unternehmen sollten extreme Temperaturen deshalb nicht als unvermeidliches Sommerphänomen behandeln. Hitzeschutz ist Teil einer vorausschauenden Arbeitsorganisation.
Seit 1. Jänner 2026 gilt in Österreich eine eigene Hitzeschutzverordnung für Arbeiten im Freien. Sie verpflichtet Arbeitgeber unter anderem dazu, Gefahren durch Hitze und natürliche UV-Strahlung zu ermitteln, Schutzmaßnahmen festzulegen und Beschäftigte entsprechend zu informieren. Bei Hitzewarnungen der GeoSphere Austria müssen konkrete betriebliche Maßnahmen umgesetzt werden. Für die Land- und Forstwirtschaft bestehen eigene Regelungen.
Arbeitsschutz – Schutz vor Hitze im Arbeitsalltag
- Arbeitszeiten verschieben: Körperlich schwere Arbeiten sollten möglichst in die kühleren Morgenstunden verlegt werden. Die größte Mittagshitze sollte vermieden werden.
- Belastung reduzieren: Arbeitsabläufe können angepasst, Aufgaben auf mehrere Personen verteilt oder besonders anstrengende Tätigkeiten verkürzt werden.
- Regelmäßige Pausen einplanen: Bei großer Hitze reichen die üblichen Pausen oft nicht aus. Zusätzliche Erholungsphasen sollten in schattigen oder möglichst kühlen Bereichen stattfinden.
- Trinkwasser bereitstellen: Beschäftigte müssen regelmäßig trinken können, bevor Durst entsteht. Geeignet sind Wasser oder ungesüßte Getränke. Alkohol ist selbstverständlich ungeeignet.
- Schatten schaffen: Sonnensegel, mobile Dächer, Zelte oder beschattete Aufenthaltsbereiche reduzieren sowohl die Hitze- als auch die UV-Belastung.
- Geeignete Kleidung verwenden: Soweit es die Arbeitssicherheit erlaubt, sollte Kleidung leicht, atmungsaktiv und möglichst hell sein. Kopfbedeckungen und UV-Schutz dürfen nicht vergessen werden.
- Alleinarbeit vermeiden: Bei extremer Hitze sollten Beschäftigte möglichst nicht allein an abgelegenen Arbeitsplätzen arbeiten. Kolleginnen und Kollegen erkennen Veränderungen oft früher als die betroffene Person selbst.
- Neue Beschäftigte langsam eingewöhnen: Der Körper benötigt Zeit, um sich an Hitze anzupassen. Nach Urlaub, Krankenstand oder bei neuen Mitarbeitenden sollte die Belastung schrittweise erhöht werden.
- Warnzeichen ernst nehmen: Schwindel, starke Erschöpfung, Übelkeit, Kopfschmerzen, Muskelkrämpfe und auffällige Verwirrtheit sind keine Bagatellen. Die Arbeit muss sofort unterbrochen und die betroffene Person gekühlt werden. Bei Bewusstseinsstörungen oder Verdacht auf Hitzschlag ist unverzüglich die Rettung unter 144 zu verständigen.
- Einen betrieblichen Hitzeschutzplan erstellen: Zuständigkeiten, Warnstufen, Pausenregelungen, Trinkwasserversorgung, Erste Hilfe und Notfallmaßnahmen sollten vor der nächsten Hitzewelle festgelegt sein – nicht erst am heißesten Tag des Jahres.
Hitzeschutz ist keine Frage persönlicher Härte
Noch immer wird Hitze am Arbeitsplatz manchmal als Belastungsprobe betrachtet, die erfahrene Beschäftigte aushalten müssten. Diese Haltung ist medizinisch falsch und betriebswirtschaftlich kurzsichtig.
Wenn die Kühlung des Körpers nicht mehr funktioniert, helfen weder Disziplin noch Berufserfahrung. Unternehmen, die Arbeitszeiten anpassen, Belastungen reduzieren und klare Notfallregeln schaffen, schützen nicht nur ihre Beschäftigten. Sie verringern auch Unfallrisiken, Krankenstände und Fehler.
Extremtemperaturen werden damit zu einer Managementaufgabe. Die zentrale Frage lautet nicht mehr, ob ein Betrieb mit großer Hitze konfrontiert wird, sondern ob er darauf vorbereitet ist.
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