Warum Österreich bei der Ungleichheit zwei völlig unterschiedliche Gesichter zeigt
Einkommen relativ gleich, Vermögen stark konzentriert
Wer über Ungleichheit spricht, spricht meist über Einkommen. Wer verdient wie viel, wer gehört zur Mittelschicht, wo beginnt Armut und ab wann gilt jemand als wohlhabend? Doch diese Betrachtung erzählt nur einen Teil der Geschichte. Denn in Österreich sind die laufenden Einkommen im internationalen Vergleich relativ gleichmäßig verteilt. Beim Vermögen sieht die Situation hingegen völlig anders aus. Genau dieser Gegensatz ist entscheidend, wenn man verstehen will, wie unterschiedlich die wirtschaftlichen Möglichkeiten von Menschen tatsächlich sind.
Beim Einkommen wirkt der Sozialstaat
Die aktuellen Daten von Statistik Austria zeigen zunächst ein vergleichsweise ausgewogenes Bild. Das mittlere verfügbare Äquivalenzeinkommen liegt bei rund 36.500 Euro jährlich. Wer zu den obersten zehn Prozent der Einkommensverteilung gehört, verfügt über mehr als rund 62.000 Euro im Jahr. Auch der Gini-Koeffizient, eines der gebräuchlichsten Maße für Ungleichheit, fällt bei den verfügbaren Einkommen mit rund 27 Prozent relativ niedrig aus.
Das ist kein Zufall. Österreich besitzt ein stark ausgeprägtes Umverteilungssystem. Steuern, Pensionen, Familienleistungen und Sozialtransfers gleichen Unterschiede bei den Markteinkommen deutlich aus. Wer nur auf das monatlich verfügbare Einkommen schaut, könnte deshalb durchaus zum Schluss kommen: Österreich ist ein vergleichsweise egalitäres Land.
Beim Vermögen beginnt eine andere Realität
Ganz anders fällt das Bild bei Immobilien, Unternehmensbeteiligungen, Wertpapieren, Ersparnissen und anderem Besitz aus. Nach der Haushaltsbefragung HFCS verfügten die reichsten zehn Prozent der österreichischen Haushalte zuletzt über mehr als die Hälfte des gesamten Nettovermögens. Neuere Berechnungen der Europäischen Zentralbank, die auch Schwächen solcher Haushaltsbefragungen korrigieren sollen, kommen sogar auf einen Anteil von rund zwei Dritteln.
Die untere Hälfte der Haushalte besitzt dagegen nur einen sehr kleinen Teil des gesamten Vermögens. Damit entsteht eine interessante Situation: Österreich kann bei der Einkommensverteilung vergleichsweise ausgeglichen erscheinen und gleichzeitig eine sehr hohe Vermögenskonzentration aufweisen.
Gleiches Einkommen bedeutet noch lange nicht gleiche Möglichkeiten
Was das praktisch bedeutet, zeigt ein einfaches Beispiel. Zwei Familien können monatlich über ein sehr ähnliches Nettoeinkommen verfügen. Die eine lebt in einer geerbten und längst abbezahlten Wohnung. Die andere zahlt hohe Miete und besitzt kaum Ersparnisse. Statistisch befinden sich beide möglicherweise in derselben Einkommensklasse. Wirtschaftlich leben sie jedoch in völlig unterschiedlichen Welten.
Die Eigentümerfamilie benötigt weniger Einkommen für das Wohnen, verfügt über Sicherheiten für Kredite und kann Vermögen an die nächste Generation weitergeben. Die andere Familie muss einen erheblichen Teil ihres Einkommens für Wohnkosten aufbringen und wesentlich mehr sparen, um überhaupt ein Vermögenspolster aufzubauen. Einkommen bestimmt damit vor allem den aktuellen Lebensstandard. Vermögen entscheidet zunehmend darüber, wie groß der wirtschaftliche Handlungsspielraum ist.
Erbschaften verändern die Ausgangslage
Besonders deutlich wird dieser Unterschied beim Thema Erbschaft. Die Daten der Österreichischen Nationalbank zeigen, dass Erbschaften und größere Schenkungen bei wohlhabenden Haushalten wesentlich häufiger auftreten. Gleichzeitig sind die übertragenen Vermögen dort erheblich größer. Das führt zu einem sich selbst verstärkenden Effekt. Wer Vermögen besitzt, profitiert nicht nur von möglichen Wertsteigerungen, Mieteinnahmen oder Kapitalerträgen. Dieses Vermögen kann auch innerhalb der Familie weitergegeben werden. Damit wird für die wirtschaftliche Position eines Menschen zunehmend relevant, welches Vermögen bereits vorhanden ist – und nicht ausschließlich, welches Einkommen durch Arbeit erzielt wird.
Auch für Unternehmen ist das relevant
Diese Entwicklung betrifft keineswegs nur gesellschaftspolitische Debatten. Vermögen beeinflusst beispielsweise, wer ein Unternehmen gründen kann, wer ausreichend Sicherheiten für einen Kredit besitzt oder wer mehrere Jahre unternehmerisches Risiko tragen kann. Ein Gründer mit Immobilienbesitz oder familiärem Vermögenshintergrund verfügt über völlig andere Möglichkeiten als jemand, der ausschließlich vom laufenden Einkommen lebt. Ähnliches gilt für Weiterbildung, berufliche Neuorientierung oder den Schritt in die Selbstständigkeit. Vermögen schafft Zeit, Sicherheit und Handlungsspielräume.
Die eigentliche Trennlinie verläuft beim Besitz
Die klassische Debatte über Arm und Reich konzentriert sich häufig auf das monatliche Einkommen. Doch möglicherweise verläuft eine der entscheidenden wirtschaftlichen Trennlinien heute an anderer Stelle. Nicht nur die Frage „Was verdienst du?“ ist entscheidend, sondern immer stärker auch: „Was besitzt du?“ Österreich zeigt diesen Gegensatz besonders deutlich. Während Steuern und Transfers die Unterschiede bei den laufenden Einkommen erheblich reduzieren, bleiben Vermögensunterschiede über Jahrzehnte bestehen und können über Generationen weitergegeben werden.
Damit verändert sich auch die Vorstellung von wirtschaftlicher Leistung und sozialem Aufstieg. Ein gutes Einkommen bleibt wichtig. Doch selbst ein überdurchschnittliches Arbeitseinkommen kann den Vorsprung eines großen geerbten Vermögens oft nur schwer aufholen.
Die Diskussion über wirtschaftliche Ungleichheit müsste deshalb stärker zwischen Einkommen und Vermögen unterscheiden. Denn erst wenn beides betrachtet wird, zeigt sich, wie unterschiedlich die tatsächlichen wirtschaftlichen Chancen in Österreich verteilt sind.




