Wenn die Jungen gehen trifft das die Wirtschaft
Was Österreichs Politiker:innen über Abwanderung wissen sollten – und was sie daraus lernen müssten
Österreich altert nicht überall gleich. Während die großen Städte und ihre Umlandgemeinden weiter wachsen, kämpfen viele ländliche Bezirke mit einer Entwicklung, die oft erst dann wirklich sichtbar wird, wenn es zu spät ist: Junge Menschen gehen weg. Sie gehen zum Studieren, für eine Lehre, für den ersten Job, für mehr Mobilität, für ein anderes Lebensgefühl. Manche kommen später zurück. Viele nicht.
Bei den jungen ergibt sich ein klares Bild
Statistisch lässt sich diese Bewegung recht gut erfassen. Die Binnenwanderungsstatistik der Statistik Austria zeigt, wer innerhalb Österreichs den Hauptwohnsitz verlegt, von welcher Gemeinde in welche andere Gemeinde, zwischen Bezirken und Bundesländern. Für 2025 weist Statistik Austria 744.642 Wanderungen innerhalb Österreichs aus, davon 337.335 über Gemeindegrenzen hinweg und 110.990 zwischen Bundesländern. Besonders interessant sind die Auswertungen nach Altersgruppen. Denn bei den 18- bis 26-Jährigen und den jungen Erwachsenen bis 39 Jahre zeigt sich besonders deutlich, welche Regionen junge Menschen verlieren und welche sie gewinnen.
Das Zukunftspotential im ländlichen Raum geht verloren
Die Richtung überrascht nicht, sie ist aber in ihrer Wirkung erheblich: Junge Menschen ziehen überdurchschnittlich oft in Städte und größere Zentralräume. Wien, Graz, Linz, Salzburg, Innsbruck und andere Bildungs- und Arbeitsmarktzentren gewinnen. Viele periphere Bezirke verlieren. Es geht dabei nicht nur um Einwohnerzahlen, sondern um Zukunftspotenzial. Wer junge Erwachsene verliert, verliert mögliche Gründerinnen und Gründer, Fachkräfte, Vereinsfunktionäre, Eltern künftiger Kinder, Konsumentinnen, Lehrlinge und Menschen, die eine Region erneuern könnten.
Fachkräftemangel ist auch ein Raumproblem
Gerade für KMU ist das ein zentrales Thema. Der Fachkräftemangel wird oft so beschrieben, als wäre er nur ein Problem von Ausbildungssystem, Lohnniveau oder Arbeitswilligkeit. Tatsächlich ist er auch ein Raumproblem. Wenn ein Bezirk über Jahre junge Menschen an Universitätsstädte, Ballungsräume oder wirtschaftlich stärkere Regionen verliert, dann fehlen sie später in den Betrieben. Die Tischlerei, das Installationsunternehmen, der Nahversorger, die Steuerberatung, das Hotel und der Industriebetrieb konkurrieren dann nicht nur miteinander um Arbeitskräfte. Sie konkurrieren mit ganzen Lebensräumen.
Die Statistik nennt keine Gründe – aber …
Die Statistik kann allerdings eines nicht: Sie sagt nicht, warum jemand geht. Die amtliche Wanderungsstatistik kennt Herkunft und Ziel, Alter, Geschlecht und weitere Merkmale. Sie kennt aber kein Motiv. Das „Warum“ ergibt sich aus ergänzenden Studien und aus regionaler Erfahrung. Die wiederkehrenden Gründe sind Ausbildung, Berufseinstieg, bessere Karrierechancen, Mobilität, Wohn- und Freizeitangebot, soziale Offenheit und Infrastruktur. Wer nach der Matura studieren will, zieht dorthin, wo es Hochschulen gibt. Wer einen spezialisierten Job sucht, geht dorthin, wo der Arbeitsmarkt dichter ist. Wer ohne Auto leben will, bleibt selten in einer Gemeinde mit schlechtem öffentlichen Verkehr.
Die ÖROK (Österreichische Raumordnungskonferenz) weist seit Jahren darauf hin, dass periphere Regionen, Teile des Südens Österreichs und etwa das Waldviertel besonders vom demografischen Wandel betroffen sind. Im STATatlas der Statistik Austria wird für mehrere alternde Regionen ausdrücklich auf die langfristige selektive Abwanderung jüngerer Bevölkerungsgruppen verwiesen – vor allem aus Gebieten mit begrenztem Ausbildungs- und Arbeitsplatzangebot. Das ist eine nüchterne Formulierung für ein massives Strukturproblem.
Leben muss realistisch planbar sein
Die politische Versuchung besteht darin, Abwanderung mit Heimatkampagnen, Standortwerbung oder Imagefilmen zu beantworten. Das kann hilfreich sein, reicht aber nicht. Junge Menschen bleiben nicht, weil eine Region behauptet, lebenswert zu sein. Sie bleiben, wenn sie dort ihr Leben realistisch planen können. Dazu gehören leistbares Wohnen, gute Kinderbetreuung, verlässlicher öffentlicher Verkehr, moderne Bildungsangebote, digitale Infrastruktur, attraktive Arbeitsplätze und eine Kultur, in der junge Menschen nicht nur gebraucht, sondern ernst genommen werden.
Herausforderung für KMU aus der Peripherie
Für Unternehmen bedeutet das: Sie dürfen das Thema nicht allein der Politik überlassen. Wer Lehrlinge, junge Fachkräfte oder Nachfolgerinnen sucht, muss Teil der regionalen Antwort werden. Kooperationen mit Schulen, sichtbare Karrierewege, flexible Arbeitsmodelle, Unterstützung bei Mobilität und Wohnen, moderne Kommunikation und echte Entwicklungschancen sind keine „weichen“ Faktoren mehr. Sie entscheiden darüber, ob ein Betrieb in einer Region noch Zukunft hat.
Die zentrale Frage lautet daher nicht nur: Aus welchen Bezirken wandern junge Menschen ab? Die wichtigere Frage lautet: Welche Bezirke schaffen es, ihnen einen Grund zum Bleiben oder Zurückkommen zu geben?
Rationale Entscheidung für bessere Möglichkeiten
Denn Abwanderung ist selten eine spontane Absage an die Heimat. Meist ist sie eine rationale Entscheidung für bessere Möglichkeiten. Genau dort muss Regionalpolitik ansetzen. Nicht mit Nostalgie, sondern mit Angeboten. Nicht mit Appellen, sondern mit Perspektiven.
Quellen: statistik.at, www.oerok.gv.at, Universität Klagenfurt
Hinweis: Das Titelbild wurde mit Hilfe von KI erzeugt.




