Prof. Dr. Leopold Stieger: Das Potenzial der Älteren ist das Kapital der Zukunft!

© Bild: Leopold Stieger

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Prof. Dr. Leopold Stieger, Jahrgang 1939 und Autor des Buches „Pension – Lust, oder Frust?“, hat in seiner Pensionszeit neu durchgestartet und sich mit seiner Plattform Seniors4success –  – auf die Zielgruppe „Menschen rund um die Pensionierung“ konzentriert. Er studierte Betriebswirtschaft an der Hochschule für Welthandel und promovierte 1965. Im Jahr 2005 verlieh ihm der Bundespräsident den Berufstitel „Professor“ für seine Verdienste um die Personalentwicklung in Österreich. Er hat vier Söhne, die sein Unternehmen übernommen haben.:

Wie war Ihr bisheriger beruflicher Werdegang? Welche markanten Stationen hat es dabei gegeben?

Ich bin der Pionier der Personalentwicklung in Österreich, habe dazu 1972 die Gesellschaft für Personalentwicklung gegründet und vor 10 Jahren diese und zwei andere Unternehmen meinen Söhnen übergeben. Diese Unternehmen bestehen auch heute noch. Seither konzentriere ich mich auf die Zielgruppe „Menschen rund um die Pensionierung“. Dazu habe ich die Plattform Seniors4success gegründet. Einerseits, um Personen und Unternehmen bei einem sinnvollen Übergang zu begleiten, andererseits um Menschen bewusst zu machen, dass sie dank der demografischen Entwicklung noch lange viele Chancen haben. Gab es früher drei Lebensphasen (Ausbildung, Beruf, Ruhestand), so kommt jetzt nach der Berufstätigkeit die Phase der „Freitätigkeit“ (etwa von 60 bis 80) und erst dann der Ruhestand. Diese Erkenntnis will aber nicht in die Köpfe der Menschen eindringen.

Sie haben drei namhafte Unternehmen aufgebaut, welche Erfahrungen und Tipps können Sie diesbezüglich weitergeben?

Familien-Unternehmen aufzubauen ist leichter als sie dann an die eigenen Kinder weiterzugeben. Der/die Übergeber müssen sich wirklich zurückziehen und vom „Lieblingsspielzeug“ die Finger lassen. Es geht nur, wenn der Senior, die Seniorin, eine neue Herausforderung finden. Etwas Neues angehen. Eine neue Herausforderung suchen und finden. Sonst geben ihnen die Kinder das Unternehmen wieder zurück. Das ist sehr hart, passiert aber öfter als wir glauben.

Ab wann reifte die Idee zur Plattform „seniors4succes“? Was waren die Beweggründe?

Ich wollte unbedingt etwas Neues beginnen (siehe oben). Und da lag die Zielgruppe „Ältere Menschen“ als eine Alternative auf der Hand. Schließlich kann ich damit meine Erfahrungen mit einer echten Personalentwicklung nützen und ich habe es mit Menschen zu tun, weil mir das wichtig ist.

Die Bevölkerung wird immer älter. Trotzdem gehört es nach wie vor „zum guten Ton“ so schnell wie möglich in Pension zu gehen. Der richtige Weg?

Mein Großvater musste bis 65 arbeiten, heute haben wir als Pensionsantrittsalter 59. Es ist wie bei Lemmingen: sobald gesetzlich die Möglichkeit besteht, rennen sie zum Fenster, reißen es auf – und springen. Wissen aber nicht, wohin. Es kann das Erdgeschoß sein mit einem weichen Rasen, es kann aber auch der dritte Stock sein. Nur weg, das ist aber kein Ziel. Das hat die Politik verbrochen, die als Wahlzuckerl die Frühpension ermöglicht hat. Und die Menschen glauben, dass das richtig sei. Noch immer.

Wo sehen Sie die Chancen und Möglichkeiten älterer Menschen am Arbeitsmarkt?

Wenn sie einmal von ihrem bisherigen Arbeitgeber weg sind, haben sie kaum mehr eine Chance, eine Anstellung zu finden. Aber sie können sich selbständig machen, sie können ein Unternehmen gründen, vielleicht sogar zusammen mit anderen erfahrenen Menschen. In den USA gibt es ein bekanntes und erfolgreiches Unternehmen, in dem das Durchschnittsalter der Belegschaft 76 beträgt. Erfolgreich, weil die Talente der Älteren konsequent genützt werden.

Ist es nicht so, dass Firmen ältere Mitarbeiter zumeist mit einem „Goldenen Handshakes“ aus dem Unternehmen verabschieden?

Der Jugendwahn und die Kostensenkung führen zu diesem völlig falschen Denken. Und das Nicht-Wissen um die Talente, die erst mit dem Älterwerden gewachsen sind. Alle Unternehmen schauen sich um, was andere machen und sagen sich dann: dann brauchen wir auch nichts tun. Das ist noch Sitte in unserem Land. Und rundwegs falsch. Aber, diese Dummheit tut leider noch nicht weh. Im Vergleich mit anderen Ländern haben wir in Österreich einen Ehrenplatz – ganz unten.

Was können die aktiven Senioren einer Firma an Mehrwert bringen?

Fragen Sie sich umgekehrt; was können sie einem Unternehmen schaden? Da finden Sie unzählige Antworten, wie sich schlecht behandelte ehemalige Mitarbeiter rächen können. Denken Sie nur an den Arbeitsmarkt. Wenn erfahrene Menschen sagen: geh dort nicht hin, ich kenne das Unternehmen, was macht dann ein guter Bewerber? Und das geschieht auch laufend, nur Unternehmen registrieren es nicht.
In Seminaren „Den Übergang meistern“ stelle ich meist die Frage, was mit dem Älterwerden mehr geworden ist. Nicht, was weniger geworden ist. Daraufhin sehe ich stets versteinerte Gesichter – blöde Frage – bis dann einer sich meldet und sagt: Die Wehwechen. Es ist also das Selbstwertgefühl Älterer in der Regel sehr schwach ausgebildet. Nach einem Zwischenschritt, vielleicht einem Spaziergang, kommen sie dann ganz stolz zurück und berichten aufgeregt, was ihnen alles bewusst geworden ist.

Mit welchen Ideen und Leistungen können die rüstigen Rentner selbstständig werden?

Mit ihren ganz spezifischen Talenten. Nicht mit einer Fähigkeit, sondern mit der Kombination aller Stärken. Ein Tischler, der etwas von NC-gesteuerten Maschinen versteht, dessen Hobby vielleicht die Farbenlehre ist und der eine fremde Sprache spricht: er ist mehr als nur ein Tischler. Je mehr Fähigkeiten zusammenpassen, umso erfolgreicher können sie sein.

In welchen Bereichen können sich die Senioren sonst noch einbringen?

Immer wieder gibt es auch Angebote für Senior Experts. Im Interim-Management finden öfters fähige, ehemalige Mitarbeiter eine Herausforderung. Und dann das Ehrenamt, das soziale Engagement für andere. Das kann sehr befriedigend sein, wenn man nicht noch dazu verdienen muss.

Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel „Pension – Lust oder Frust“! Was ist die Kernbotschaft?

„Nütze die Chancen der neuen Lebensphase“. Und entscheide dich selbst, ob „Hängematte“ oder „Durchstarten“ für mich sinnerfüllter ist. Wer sich nicht mehr fordert, verschenkt pro kommendem Lebensjahr zwei Monate seines Lebens (Studie der Uni Zürich). Man wird nicht gesünder oder lebt nicht länger, wenn man sich schont, sondern genau das Gegenteil ist der Fall: je mehr Herausforderung, umso gesünder und zufriedener ist ein Mensch.

Was können Sie Firmen im Umgang mit älteren Menschen raten. Und welchen Ratschlag erteilen Sie diesen für eine sinnvolle bzw. Lebens erfüllende Zukunft?

Firmen sollen aufwachen und erkennen, welche Talente bei der Pensionierung ohne Kontrolle bei der Tür hinausgehen. Und in der Regel nie mehr wieder zurückzuholen sind. Den Älteren rate ich, die Chancen zu nützen, die sie jetzt haben. Nicht die Defizite zu sehen, sondern die Fähigkeiten, die sie erst jetzt haben. Potenzialorientierung nennt man das.

Tipp: Unter dem Titel dieses Beitrages gibt es am 23. Juni 2016 einen Vortrag mit Buchpräsentation im Zuge der Auftaktveranstaltung von VAWIS, Vereinigung aktiver Wirtschaftssenioren!

 

Author: Reinhard Huber

Als Berater und Coach übte ich diese Tätigkeit u.a. für die Wirtschaftskammer aus, aber auch für andere Institutionen, ganz besonders aber für das Unternehmensgründungsprogramm (UGP), für welches ich die letzten Jahre als Projektleiter verantwortlich war. Dies dann aber als Angestellter der für dieses Projekt beauftragten bit Gruppe. Daneben war ich stets auch als Coach bei Businessplanwettbewerben tätig, aber auch als Trainer für Marketing, Betriebswirtschaft und Social-Media-Marketing. Nähere Infos und Details unter www.reinhardhuber.at

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