Habitus: Warum das Modell Teilzeitangestellt-Teilzeitchef nicht funktioniert!

© 3D Rendering: www.corporate-interaction.com

© 3D Rendering: www.corporate-interaction.com

Serie: Soziologie für KMU

Immer wieder mal werde ich mit dem Thema,  „In Teilzeit angestellt bei gleichzeitig selbständiger Tätigkeit“, konfrontiert Vermeintlich sei das eine Möglichkeit, in den ersten Jahren der Selbständigkeit nebenbei ein Geschäftsfeld aufzubauen, dies jedoch nicht mit dem vollen Risiko tun zu müssen. Viele Stimmen erwidern jedoch, dass so eine Konstellation meist nicht zum Ziel, nämlich zum Vollblutunternehmer zu werden, führe. Die dafür nötige aber nicht ausreichende Zeit und der Mangel an Flexibilität werden meist als Argumente vorgebracht. Die Ursache liegt jedoch meist auf einer anderen Ebene.

Der Unternehmerhabitus wird nicht zur Gänze gelebt.

Der Habitus, ein gebräuchlicher Begriff der Soziologie, bezeichnet das Gehabe, die Art und Weise des Verhaltens und des Handelns, die Jemand an den Tag legt. Allerdings soll dies nicht als individualistischer Wesenszug verstanden werden, sondern als eine Haltung, die bestimmten Personengruppen zuzuordnen ist.

Habitus

Das gesamte Verhalten, die Art und Weise, wie wir auf Andere zugehen, wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten, ist im Laufe der Habitualisierung entstanden. Das ist als Prozess zu verstehen, der sich mitunter ein Leben lang weiterentwickelt. Werden wir vom Angestellten zum eigenen Chef wird sich auch der Habitus verändern (müssen). Das geschieht je nach Disposition mehr oder weniger schnell und mehr oder weniger gut.

Der Unternehmerhabitus führt damit hin zu einem bestimmten Verhaltensrepertoire, das man als Unternehmer und Unternehmerin haben muss. Dieser zeichnet sich durch eine bestimmte offene Haltung gegenüber Krisen und deren Lösungen aus. Dazu, so der Soziologe Thomas Loer von der Universität Karlsruhe, muss man jedoch die Krise, die immer als Krise einer bestimmten Lebenspraxis zu verstehen ist, als die seine realisieren. Geschieht dies nicht, flüchtet man sich in Routinen.

Lebenspraxis

Mit Lebenspraxis, von der Loer spricht, ist das permanente Handeln interagierender Personen gemeint. Wir Menschen beziehen uns im Tun ständig aufeinander und verknüpfen dabei Soziales mit kulturell Erlerntem. Durch diese immerwährenden wechselseitigen Handlungen entstehen vorwiegend habitualisierte und eingespielte Handlungsweisen. Nur so können wir im Gesellschaftsverbund agieren und reagieren.

Der „Angestelltenhabitus“ ist konträr dem Unternehmerhabitus

Einem weisungsgebundenen Angestellten wird abverlangt, dass er sich eben zumeist in vorgegebene Strukturen einfügt und diese nicht in Frage stellt. Natürlich sind (theoretisch) innovative Einfälle und Taten auch gelegentlich gefragt. Zumeist jedoch wird über den Angestelltenkopf hinweg bestimmt wie etwas zu tun ist. Das führt letztlich für manchen zur Frustration, zur Aufgabe des selbständigen Denkens oder es ist ihm recht, nicht selber entscheiden zu müssen. Sollte man sich fügen, verfällt man eben in jene Routinen zurück, in die ein erfolgreicher Unternehmer nicht fallen sollte.

Es braucht eine Identität der unaufgeregten Aufgeschlossenheit

Erst wenn Krisen gelebt und mehr noch, gesucht werden, können sie einer Lösung zugeführt werden, so der Soziologe Loer. Der Habitus wird dabei wirksam, ist er doch die grundlegende Haltung zur Welt und bestimmt damit das Handeln. Je eher ich mich in einem Umfeld sozialisiere und mit ihm verbunden fühle, desto authentischer wird mein Tun sein. Die Zerrissenheit der beiden Identitäten, denen man beim Modell Teilzeitangestellt-Teilzeitchef ausgesetzt ist beeinflusst so den Fortgang der Geschäfte mehr als einem tatsächlich bewusst ist.

Im Laufe der Sozialisation entsteht der Habitus und verändert sich

Mit der Auseinandersetzung von Handlungsproblemen im Laufe der Sozialisation bildet sich ein Potpourri an Verhalten, dass in einer Art des Vorbewusstsein zum Tragen kommt.

Sozialisation

Sozialisation ist ein (lebenslanger) Prozess, währenddessen das Individuum seinen Platz in der Gesellschaft lernt einzunehmen und weiterzuentwickeln. Da wir bereits in eine vorhandene Welt hineingeboren werden, müssen wir diese Welt begreifen lernen und uns in den darin vorhandenen Strukturen zurechtfinden. Der Habitus ist zugegebenermaßen etwas, was meist mit dem Prozess der Adoleszenz und mitunter davor stark einsetzt und sich im Laufe des Lebens immer mehr ausbildet. Wer sich nun mehr einen Unternehmerhabitus angeeignet hat wird sich im Angestelltenverhältnis eher unwohl und nicht richtig fühlen. Genauso wird es sich umgekehrt verhalten. Und beides gleichzeitig leben zu wollen ist wohl die denkbar unglücklichste Idee, die so vermutlich niemals zum Ziel führen wird.

Was sollte man daraus lernen?

Damit werde ich mich in meinem nächsten Artikel zum Thema befassen.

Quellen:

Der Unternehmerhabitus

Links zum Thema:

Soziologie für KMU – Eine Einführung »

Soziologie für KMU – Die Funktion von Verlegenheit »

Soziologie für KMU – Komplexitätsreduktion und Ordnung »

Soziologie für KMU – Über erwünschte und unerwünschte Ordnung »

Author: Maria Nasswetter

Maria Nasswetter ist Soziologin und auf soziale Interaktion, Communities, Bildkommunikation und -strategien spezialisiert. Communities und soziale Interaktion sind Schwerpunktthemen, mit denen sie sich theoretisch und praktisch beschäftigt. Daher ist auch das Unternehmerweb, verstanden als Synergie zwischen On- und Offlineaktivität, ein Ort an dem sie ihre Expertisen einbringt. www.corporate-interaction.com

Share This Post On

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.