Funktionale Eiszeitsünden – Winterjacken für Wichtigtuer

© BIld: www.corporate-interaction.com

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Meist schon Ende August wird sie ausgepackt, kurz aufgeschüttelt, den Herbst, Winter und das Frühjahr emsig durchgetragen und wenn, dann erst zur Freibaderöffnung wieder weggepackt. – Die allwettertaugliche Multifunktionsjacke, das Lieblingsstück des modischen Durchschnittverbrauchers.

Ist es für jeden halbwegs modisch interessierten Menschen doch eh schon schwer genug, irgendwie über die schrecklich fade,  kaum enden wollende Eiszeit zu kommen, wird diese Fashiondepression zusätzlich durch ein im Textilhandel vorkommendes Überangebot an Jacken verstärkt, die einen aussehen lassen, als wäre man gerade vom Berg des Todes gestiegen. Von jeglichem Modegeschmack keine Spur.

Hauptsache praktisch

Nun gut, Funktionsjacken erfüllen einen Zweck. Sie halten uns warm, man bleibt trocken, muss am Morgen nicht lange überlegen und man kann nach dem Einkaufsbummel direkt zur Himalaja-Expedition aufbrechen. Grell erleuchtete Signalfarben in Kombination mit geruchsabsorbierendem Schweißfilter und super-duper-über-drüber High-Tech-Membran machen‘s möglich. Und weil die stolze Menschheit seit dem ersten Lendenschutz auch die eine oder andere textile Erfindung nachweisen kann, sind diese Jacken wenigstens dünn – superdünn – ja gar unpackbar dünn. Wer der Funktionsjacken – Diktatur nicht klein bei geben möchte und sein Outfit lieber der Tagesform anpasst, einen Zwiebellook wählt, der individuell kombiniert werden kann, dem ist zwar mindestens genauso warm, doch müsste man sich dann ja morgens übers Outfit Gedanken machen – „Hallo? Kostbare Lebenszeit!“- und schließlich hat man sicher nicht das Gefühl, das warme Federbett gleich anbehalten zu haben.

Ginge es nach den Wünschen heutiger Modemuffel, sollten alle Anziehsachen leicht, bequem und funktional sein; sie müssten sich mitsamt Hundedecke, waschbaren Babywindeln und des gesamten Bergsteig-Equipments ohne Widerrede bei 60 Grad waschen lassen, mindestens 26 Taschen haben, in denen man Jausenbrot, Laptop, Terminkalender, Autoschlüssel und XXL-Smartphone verstauen kann – und natürlich in jeder Lieblingsfarbe zu haben sein.

Ganz nach dem Motto: Man kaufe sich die komplette Garderobe in einer Farbe, dann bleibt einem einerseits nerviges Sockenpaarsuchen erspart, andererseits passen alle Hosen zu allen Tshirts, Pullovern und natürlich auch zur einzigen, nicht tot zu kriegenden Lieblingsjacke – der Multifunktionsjacke. Na bravo!

Alles nur faule Ausreden

Dies mag nun manchen übertrieben vorkommen, hat doch gerade Kleidung sehr viel mit Psychologie und sozialen Gruppen zu tun. Und schließlich ist ein warmer Regenschauer im Großstadtfrühling genauso unangenehm wie ein Schneesturm am Gipfel des Kilimandscharos.

Seien wir mal ehrlich – kein Mensch braucht eine solche Jacke. Auch wenn die Funktionsjacke fast so viele Funktionen hat, dass sie andere Jacken so gut wie unnötig macht, sehe ich aus modischer Sicht nur Nachteile. Denn welche praktischen Dinge sehen schon gut aus? Sobald die Funktionalität im Vordergrund steht, wird die Optik doch sehr schnell vernachlässigt, man denke nur an die lustig-hässlichen Crocs-Gummischuhe, die trotz angeblicher Fußbettentlastung beim Tragen in der Öffentlichkeit sofort den imaginären, modischen Führerschein kosten sollten, Kindergartentanten außen vor gelassen. Und wer würde beispielsweise auf die Idee kommen, seine leichte und atmungsfähige Jogginghose (übrigens auch Funktionskleidung) zum Businesstermin unter Sakko/Blazer zu tragen?  Blicke der Missachtung von Seiten der Kunden und Kollegen währen einem sicher. Auch wenn diese nach erfolgreichem Meeting bei Feierabend sich ihre Aktentasche schnappen und in Bergsteigerjacke eine wohl abenteuerliche Heimreise antreten. Seltsam.

Multifunktionsjacken sind sicherlich der Beweis dafür, dass Mode und Kleidung heute kaum anders funktionier als vor vielen Tausend Jahren, in der Steinzeit, als man sich noch Bärenfelle anlegte und Tierblut trank, um die Seele des wilden Säbelzahntigers auf sich zu übertragen. Heute kauft man sich aus ähnlichen Gründen Funktionsjacken. Sofort fühlt sich der Träger wie ein wilder Naturbursche auf der Jagd nach Beute im Großstadtdschungel – auch wenn er meist mit der echten Natur gar nicht viel zu tun haben will.

Deswegen mein Appell am Schluss: Lassen Sie sich Zeit bei der Auswahl, greifen Sie nicht zum Jacken-Einheitsbrei und bedenken Sie Ihrer terrestrischen Umstände. Braucht es jetzt immer noch eine Multifunktionsjacke?

 

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Author: Martin Ehmele

Mein Name ist Martin Ehmele, aufgewachsen in Ravensburg, Süddeutschland und mittlerweile glücklicher Wahlwiener. Neben meinem Studium der Soziologie war ich als Redakteur für die unterschiedlichsten Magazine und Online-Medien der deutschsprachigen Modeszene tätig.

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