Flüchtlinge – Lehrlinge – Unternehmen: Reza Radjabi im Interview

© 3D-Rendering: www.corporate-interaction.com

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Das Interview mit Reza Radjabi fand Anfang Jänner 2016 im Cafe Museum im ersten Wiener Gemeindebezirk statt.

Welche Lehre machen Sie aktuell und wie geht es Ihnen damit?

Ich mache zurzeit die Lehre als Finanz- und Rechnungswesenassistent bei der Firma Gabriel Chemie Group in Gumpoldskirchen in Niederösterreich. Mir geht es sehr gut damit. Derzeit befinde ich mich im 3. Lehrjahr.

Ich habe bei Null angefangen. Zunächst musste ich mich um die Posteingänge kümmern und die Rechnungen an die jeweiligen Abteilungen weitergeben. Ich musste Rechnungseingänge in eine Liste eintragen, bevor diese an die Buchhaltung weitergehen. Diese Rechnungen wurde zur Weiterverbuchung vorbereitet, die Ausgangsrechnungen nach Nummern sortiert und zur Bezahlung bereit gelegt.
Im dritten Lehrjahr mache ich viele Arbeiten selbständig, ich verbuche alles. Außerdem telefoniere ich mit Kunden und Lieferanten bezüglich diverser Agenden. Alle hier in der Buchhaltungsabteilung sind sehr nett und freundlich. Sie unterstützen mich wirklich gut und erklären mir alles sehr genau. Die Buchhaltung ist für mich wie eine neue Sprache. Man muss sich sämtliche Fachausdrücke erst aneignen. Es hilft sehr, wenn man mit den Kollegen so gut arbeiten kann, das erleichtert vieles. Es kommt eben darauf an, wie man etwas erklärt bekommt. Die Arbeitsstimmung in dieser Firma ist sehr gut. Die Leute gehen sehr höflich miteinander um.
Es gibt neben mir noch einige Lehrlinge in der Kunststofftechnik und eine, die derzeit die Ausbildung zur Medienfachfrau macht. In der Buchhaltung bin ich der Einzige, der zur Zeit eine Lehre absolviert.

Erzählen Sie bitte etwas über sich.

Ich komme aus Afghanistan und bin seit fast fünf Jahren in Österreich. Ich war sowohl in Afghanistan, als auch in Pakistan in der Schule. Insgesamt waren es etwa 7 Jahre. Ich bin 22 Jahre alt.
In Wien, nach meiner Flucht gelandet, begann ich mit einem Deutschkurs. Dann absolvierte ich den Hauptschulabschluss in der VHS in Ottakring. Danach besuchte ich ein Semester in der Abendschule der HAK in der Hetzendorferstraße im 12. Bezirk. Da ich zu dieser Zeit noch keinen Bescheid hatte, war das die einzige Möglichkeit, etwas zu lernen. Man durfte damals ohne Bescheid keine Lehre machen. Ich wollte mich schon als Kind weiterbilden und etwas aus mir machen.

Warum haben Sie sich für diese Lehre entschieden?

Ich wollte etwas zwischen Hand und Kopf machen.

Ich besuchte die HAK-Abendschule, weil mich der kaufmännische Bereich sehr interessiert. Dennoch wollte ich zunächst, wie mein Bruder, Bauingenieur werden. Allerdings riet man mir hier davon ab; das wäre zu schwierig für mich.
Ich mache die Lehre mit Matura, das Fach Englisch habe ich bereits geschafft. Derzeit bin ich dabei, den Deutschmaturakurs zu besuchen. Die bisherigen beiden Berufsschulzeugnisse habe ich mit Auszeichnung absolviert. Ich denke, auch im dritten Lehrjahr werde ich das schaffen.

War es schwierig, eine Lehrstelle zu finden?

Ich muss sagen, dass ich wirklich Glück hatte, die Firma Gabriel zu erwischen. Ich bin auch sehr froh darüber, dass sie mir die Möglichkeit geben, am Freitag den Maturakurs zu besuchen und ich an diesem Tag nicht arbeiten muss.
Vorher habe ich kurz als Lehrling in einer großen Kette, in der Systemgastronomie gearbeitet. Aber ich konnte dort nicht weiterarbeiten und habe das Unternehmen innerhalb der Probezeit wieder verlassen. Erstens war es mir zu langweilig, weil man immer die gleiche Arbeit verrichten musste. Und außerdem war der Umgang mit den Angestellten nicht besonders höflich. So machte ich mich damals wieder auf die Suche nach einer Lehrstelle. Dann kam ich zum t.i.w. Ich habe mir zwar die Lehrstelle, die ich jetzt habe, selbst aus dem Internet gesucht. Davor machte ich jedoch ein Praktikum beim t.i.w., die mir auch bei allen bürokratischen Dingen geholfen haben und sich gut um mich kümmerten und kümmern. Man fühlt sich dadurch nicht ganz alleine gelassen und das ist sehr gut so.

Was möchten Sie noch zu Ihrem Lehrberuf als Finanz- und Rechnungswesenassisten erzählen?

Was ich denke ist, ich bin damit gut unterwegs. Ich kann das wirklich empfehlen, wenn man sich für Buchhaltung interessiert. Man hat mit diesem Lehrberuf nachher viele Chancen, einen guten Job zu finden. Wenn alles weiterhin so gut läuft, werde ich von der Firma nach meiner Gesellenprüfung übernommen.

Welchen Rat oder Tipp haben Sie für andere Jugendliche, die aus einem anderen Land hier her flüchten mussten und eine Lehrstelle suchen?

Gut ist es prinzipiell, bevor man eine Lehrstelle beginnt, ein Praktikum zu machen. Damit verschafft man sich einen Überblick und findet heraus, ob und was man machen will oder nicht.
Sehr wichtig ist, dass man nicht aufgibt! Es gibt immer wieder schwierige und unangenehme Momente; es ist wichtig, darauf zu vertrauen, dass es wieder besser wird. Es gibt nichts, was man nicht schafft. Natürlich braucht man Unterstützung…
Sehr wichtig ist, dass jemand aus diesem Land, ein Chef, eine Arbeitskollegin, eine Patin, ein guter Freund da ist und einem zur Seite steht.

Ich bedanke mich sehr für das Gespräch.

Ich bedanke mich.

 

http://www.gabriel-chemie.com/de/index.php

 

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Author: Maria Nasswetter

Maria Nasswetter ist Soziologin und auf soziale Interaktion, Communities, Bildkommunikation und -strategien spezialisiert. Communities und soziale Interaktion sind Schwerpunktthemen, mit denen sie sich theoretisch und praktisch beschäftigt. Daher ist auch das Unternehmerweb, verstanden als Synergie zwischen On- und Offlineaktivität, ein Ort an dem sie ihre Expertisen einbringt. www.corporate-interaction.com

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