Flüchtlinge – Lehrlinge – Unternehmen: Veronika Krainz von lobby.16 im Interview

© Bild: lobby.16

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Meine Interviewpartnerin ist Veronika Krainz, Geschäftsführerin von lobby.16. Das Interview fand bei lobby.16 in der Sechshauserstraße in Wien 15 statt.

 

Bitte stellen Sie die Arbeit der lobby.16 vor.

Wir sind ein gemeinnütziger Verein, gegründet 2008. Wir betreuen junge erwachsene Flüchtlinge bis zu einem Alter von 21 Jahren beim Thema Ausbildung. Darunter fallen Asylwerber, Asylberechtigte und jene, die subsidiären Schutz haben.
Wir arbeiten eng und längerfristig mit Unternehmern und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen zusammen. Aufgrund unseres Zieles, für eben besagte Jugendliche eine geeignete Lehrstelle zu finden, sind wir stark wirtschaftsorientiert.
Die Klientenzahlen sind stark steigend – im Gründungsjahr waren es 75, jetzt sind es 206 pro Jahr, die sich mit unterschiedlichen Bildungsangelegenheiten an uns wenden. Wir geben jedem Jugendlichen die Infos und Unterstützung, die er braucht. Wenn wir nicht zuständig sind, vermitteln wir die Jugendlichen weiter zu den entsprechenden Anlaufstellen und Ansprechpartnern. Die hauptsächlichen Anliegen der jungen Flüchtlinge: Deutschkurs, Pflichtschulkurs, Berufsorientierung, Unterstützung bei der Lehrstellensuche, Nachhilfe.

Unser Kernprojekt „Bildungswege“ hat das Ziel Ausbildung, in der Regel ist das eine Lehrstelle; wir machen dieses Projekt seit 2010, begannen mit 10 Teilnehmern, heuer waren 34 Jugendliche im Projekt. Wir qualifizieren die Jugendlichen einige Monate vorab intensiv und bereiten sie so für den Einstig in die Lehre vor. Die Qualifizierung umfasst ein Deutsch-, Mathe- Englischtraining, viele integrationsfördernde Workshops, praxisnahe Berufsorientierung.
Wir arbeiten dabei eng mit Unternehmen zusammen und kooperieren in unterschiedlichen Bereichen. Die Unternehmen unterstützen uns mit Workshops, EDV-Training, Schnupperpraktika und vor allem mit Lehrstellen.

 

Gibt es Zahlen, wie viele Unternehmer/Unternehmen derzeit mit Ihnen kooperieren?

Derzeit sind es etwa 30 bis 35, die uns unterstützen.

 

Ist diese Arbeit auf Wien beschränkt? Wie sieht es in den Bundesländern aus?

Wir sind nur in Wien tätig. Wir betreuen die Jugendlichen, die in Wien wohnhaft sind und Unternehmen, die ihren Firmensitz in Wien haben. Mitunter kooperieren wir auch mit Firmen in Niederösterreich, diese müssen sich jedoch im Pendelbereich befinden.

 

Gibt es Vergleichbares wie lobby.16 in den Bundesländern?

Meines Wissens ist die Caritas gerade dabei etwas Vergleichbares in Graz zu etablieren, zumindest sind sie mit uns in Kontakt getreten, um sich genauer über unser Projekt zu informieren. Wie der aktuelle Stand der Dinge ist, entzieht sich aber meiner Kenntnis.

 

Gibt es Zahlen wie viele Lehrlinge sie bisher vermitteln konnten; wie viel Prozent es zu einem Abschluss gebracht haben?

Wir haben 2010 mit dem Lehrstellenprojekt begonnen. Heuer mitgerechnet haben wir 142 Teilnehmer insgesamt. Davon vermittelten wir 132 Lehrstellen. Nur 10 haben das Projekt abgebrochen oder wir mussten es begründet abbrechen. 10 weitere Jugendliche haben die Lehre abgebrochen.
Derzeit sind also 122 Jugendliche in Ausbildung bzw. gibt es von diesen bereits erste Absolventen aus den Projektjahren 2010 und 2011. Viele wurden in Beschäftigung übernommen nach Abschluss der Lehre.

 

Welches Feedback gibt es von den Unternehmen?

Wir unterstützen nicht nur die jungen Flüchtlinge, sondern stehen auch den Unternehmen als Ansprechpartner zur Seite.

Als Feedback kommt immer wieder, dass die Deutschkompetenzen doch nicht ganz ausreichen. Allein schon deshalb ist es wichtig, die Jugendlichen durch die gesamte Lehrzeit zu begleiten, bildungsbezogen aber auch darüber hinaus. Vor allem im ersten Lehrjahr braucht es diese Begleitung. Die Jugendlichen erhalten alle von unseren Ehrenamtlichen Nachhilfe, wenn sinnvoll schicken wir sie auch noch in einen begleitenden Deutschkurs.

Natürlich gibt es gerade zu Beginn der Lehrzeit Missverständnisse, vor allem sprachlich bedingt. Und auch sonst gibt es viele Dinge, die besprochen werden müssen, wo wir Unterstützung geben. Wir informieren die Jugendlichen über die Chancen im Arbeitsleben, was man wie tut bzw. was man besser nicht tut sozusagen. Beispiel: Was mache ich, wenn ich krank bin, wem muss ich das melden, wie gehe ich vor, wenn ich frei haben will, wichtige Behördentermine habe etc. Gerade kleine Unternehmen schätzen es sehr, dass wir sowohl die Jugendlichen als auch das Unternehmen bei diversen Belangen unterstützen.

Auch in Fragen des Wohnens, bei Behördenwegen, beim Ausfüllen diverser Anträge, bei psychischen Problemen stehen wir soweit wir können zur Seite bzw. vermitteln zu den entsprechenden Stellen.

Die Unternehmen begleiten wir vor allem bei rechtlichen Dingen, wie beim Thema Arbeitserlaubnis und Zugang zum Arbeitsmarkt. Wir reden mit den Ausbildnern und stehen zur Verfügung, um auch bei möglichen Schwierigkeiten zu vermitteln.

 

Gibt es für die Unternehmen Aufnahmekriterien?

Nein, wir brauchen einfach Unternehmen, die uns entgegenkommen. Die bereit sind, jungen Flüchtlingen eine Startchance zu geben und ihnen die erste Hürde nehmen, also sie einladen zu einem Vorstellungsgespräch, einem Aufnahmetest.

Wir verhandeln also sozusagen, klären auf und informieren die Unternehmen über die Situation dieser Jugendlichen. Viele Unternehmen sind dafür sehr offen, und tun dann auch gerne mit. Selbstverständlich muss der Jugendliche genauso seine Leistung erbringen – es muss für beide Seiten ein Benefit dabei herausschauen. Und ich halte es für wichtig, dass die Jugendlichen einen Bewerbungsprozess kennenlernen und durchlaufen, sie sich beweisen und zeigen müssen, dass sie es ernst meinen, sie die Ausbildung auch wirklich machen wollen.

 

Warum sollte Ihrer Meinung nach ein Unternehmen mit ihnen kooperieren?

Wir lassen die Unternehmen während der Lehrzeit nicht ohne Unterstützung, ebenso wenig wie die Lehrlinge selbst. Wir kümmern uns, sind da. Wir begleiten langfristig und möglichst umfassend. Das ist glaube ich für viele Unternehmen attraktiv. Und wir schauen, dass wir motivierte, engagierte Jugendliche zu ihnen empfehlen, die auch realistische Chancen auf den Ausbildungsplatz haben. Die Vermittlung ist nicht immer erfolgreich, aber sehr sehr oft, unsere Erfolgsquote hoch. Das sehen die Unternehmen und hilft uns neue Partner zu gewinnen.

 

Welche Fragen interessieren die Unternehmen am meisten. Welche Antworten gibt es dazu?

Wie schon erwähnt, ist die eine zentrale Frage, ob der Jugendliche arbeiten darf und eine Beschäftigungsbewilligung hat. Und ob sie die deutsche Sprache ausreichend beherrschen. Ob sie Begleitung haben und wer der Ansprechpartner ist. Auch wenn viele bereits 18 Jahre sind brauchen sie Begleitung und Unterstützung. Wir sagen den Unternehmen, was unsere Begleitung umfasst und dass wir während der gesamten Lehrzeit Ansprechpartner sind.

 

Welche Voraussetzungen müssen Unternehmen erfüllen, um mit Ihnen kooperieren zu können?

Sie müssen Lehrlinge aufnehmen wollen. Zumindest den Versuch starten wollen. Wir haben Unternehmen, die uns ein fixes Lehrstellen-Kontingent geben und wir haben Unternehmen, die grundsätzlich offen sind für Bewerbungen von unserer Seite und die Jugendlichen einladen zum Recruting.

 

Gibt es best practice Beispiele?

Es ist alles best practice, wenn eine Lehrstelle dabei herauskommt. Wir bereiten die Jugendlichen gut auf das Bewerbungsgespräch vor. Wir erklären ihnen, dass es wichtig ist sich über das in Frage kommende Unternehmen im Vorfeld zu informieren. Zudem sollten sie im vorhinein möglichst genau wissen was sie wollen und was die Ausbildung beinhaltet.

Der Weg zum Lehrplatz ist unterschiedlich, die Schritte dahin sind mehr oder weniger aufwändig, aber letztlich ist die Lehrstelle das Ziel.

 

Welche sind die wichtigsten Erkenntnisse seit der Gründung 2008.

Ich denke, die Erfahrung die wir machten ist grundsätzlich sehr positiv im Hinblick auf die Erreichung der Ziele. Es ist möglich, diese Jugendlichen zu vermitteln, und es ist auch so, dass der Großteil die Lehre auch durchhält und erfolgreich abschließt.

Ganz wichtig ist eine langfristige Begleitung. Von Vorteil ist zudem eine gute Vorbereitung – nicht nur in sozusagen klassisch bildungsbezogener Hinsicht, also nicht nur Deutsch, Englisch, Mathematik. Man muss ihnen auch anderes Rüstzeug mitgeben. Damit ist all das gemeint, was es ihnen ermöglicht, sich besser einzuleben. Die langfristige Begleitung trägt entscheidend dazu bei, dass jemand bis zum Lehrabschluss dranbleibt. Es ist tunlichst zu vermeiden nur einfach schnell zu vermitteln. Wenn Fragen nicht ausreichend geklärt werden, besteht die Gefahr eines vorzeitigen Abbruchs der Lehre.

Wenn wir jemanden aus dem Projekt nehmen, dann begründen wir das auch ganz genau gegenüber dem Betreffenden. Aber wir schauen, dass dieser Jugendliche dann dennoch irgendwo aufgefangen wird. Eine zweite Chance kann jeder bekommen – es gibt immer wieder auch „reumütige“ Rückkehrer, die erst abbrechen mussten, um draufzukommen, dass es gut gewesen wäre sich durch schwierige Phasen durchzukämpfen.

Der Bedarf an Unterstützung ist von Jahr zu Jahr steigend. Nächstes Jahr werden wir auf 50 Plätze aufstocken, also verdoppeln. Bewerben tun sich etwa doppelt so viele, wenn nicht mehr. Und irgendwann können wir dann auch keine Bewerbungen und Anmeldungen mehr annehmen, weil schon zu viele auf der Warteliste stehen. Es gibt ein ähnliches Projekt im Integrationshaus Jawa next

Ich glaube, dass es solche Projekte, die so individuell und nachhaltig arbeiten wie wir eher nicht gibt. Ich denke, es ist wichtig ein Wachsen nur in langsamen verträglichen Schritten vorzunehmen. Und das tun wir. Alles andere funktioniert nicht und wirkt sich nur negativ auf die Qualität aus. Und diese gilt es aber zu halten bzw. auch noch zu steigern, das ist unser Anspruch.

 

 

Was ist ihr derzeitig brennendstes Anliegen?

Wir tun weiter mit dem, was wir bisher getan haben – wir tragen unseren Teil dazu bei, junge unbegleitete Flüchtlinge bildungsbezogen bestmöglich zu unterstützen. Wir brauchen sicherlich noch zusätzliche Unternehmenspartner für nächstes Jahr, werden auch das Branchenspektrum erweitern, werden verstärkt in die Hotellerie gehen, ins Gewerbe und Handwerk. Viele Hotels haben sich neu für eine Kooperation interessiert, was wunderbar ist, dabei hat uns die Österreichische Hoteliervereinigung stark unterstützt und tut es weiterhin. Auch die Wirtschaftskammer Österreich tut das – sie ist Vermittler für uns zur Sparte Gewerbe und Handwerk, – auch das eine Branche, in die wir verstärkt gehen wollen.

Unternehmen, die Lehrlinge ausbilden, sind also insgesamt bei uns höchst willkommen. Und das, was wir ihnen versichern können, ist dass wir uns während der gesamten Lehrzeit nicht

aus der Verantwortung nehmen, also langfristig Ansprechpartner sind und uns darum bemühen, dass die Lehrzeit zum erfolgreichen Lehrabschluss führt.

 

Ich danke Ihnen sehr für das aufschlussreiche Gespräch.

Ich danke Ihnen ebenfalls.

 

 

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Author: Maria Nasswetter

Maria Nasswetter ist Soziologin und auf soziale Interaktion, Communities, Bildkommunikation und -strategien spezialisiert. Communities und soziale Interaktion sind Schwerpunktthemen, mit denen sie sich theoretisch und praktisch beschäftigt. Daher ist auch das Unternehmerweb, verstanden als Synergie zwischen On- und Offlineaktivität, ein Ort an dem sie ihre Expertisen einbringt. www.corporate-interaction.com

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